26.11.15

Star Wars (USA 1977) - George Lucas' Krieg um Macht und Erfolg

STAR WARS - gäbe es den Film nicht bereits, müsste man ihn erfinden. Und unsere Welt wäre eine andere ohne ihn. Kein anderer Kinofilm hat unsere westliche Gesellschaft in den letzten 40 Jahren so geprägt, wie George Lucas' von Anfang an auf Megaerfolg getrimmtes Fantasy-Spektakel. Dabei ist STAR WARS vermutlich der durchschnittlichste und unkreativste Streifen, der je gedreht wurde. Und das sogar mit Absicht. Wir schauen einem Film unter die Haube, der, so lächerlich er auch ist, die Welt erobert und sie sich Untertan gemacht hat! Und wir fragen uns: Wieso eigentlich?
© Twentieth Century Fox
- Anmerkung -
STAR WARS ist einer der bekanntesten und verehrtesten Filme der Welt, und George Lucas hat sich alle Mühe gegeben, diesen Mythos 35 Jahre lang zu pflegen. Um die Entstehung des Films ranken sich derart viele Ankedoten und Theorien, dass man kaum noch mit Sicherheit sagen kann, was davon wahr ist und was nicht. Wir haben versucht, uns an das zu halten, was sich aus mehreren Quellen bestätigen ließ, was vielleicht weniger bekannt ist, und das uns plausibel erschien. Und wo die Widersprüche in einem Detail zu weit auseinanderlagen, haben wir uns für die unterhaltsamere Version entschieden. Wir sind uns sicher, dass das in Lucas' Interesse liegt.

Marcos Blick:
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STAR WARS. KRIEG DER STERNE. Worte, die einen als Filmblogger schier zu Boden drücken. Wie will man einen Beitrag zu jenem (damals noch) 116 minütigen Film schreiben, der die Welt ins Wanken brachte? Wo fängt man an, bei diesem „Monster“ von einem Film?


Vielleicht mit einer Feststellung. Denn es werden hier heute noch einige Worte zu STAR WARS gesagt werden, und nicht alle davon werden gut sein, deshalb sei eines vorangestellt: STAR WARS ist vermutlich der einflussreichste und bedeutendste Film, der jemals in der westlichen Welt gedreht wurde. Die größten Klassiker, die inspirierendsten Werke aus über 120 Jahren Kinogeschichte, reichen nicht an George Lucas' kleinen, unter vielen Schmerzen geborenen, 11 Millionen Dollar Garagenfilm heran. Und das hat durchaus seinen Grund: STAR WARS ist das Werk eines genialen Analysten, der Publikum und Massenmarkt im Kinogeschäft durchschaut wie kaum ein zweiter. 

Führ mich zum Schotter


KRIEG DER STERNE ist ein einmaliges Phänomen. Wer zugibt, den Film nicht zu mögen, sieht sich im heutigen Netz gerne einmal Morddrohungen ausgesetzt. Viele STAR WARS Fans sind leidenschaftlich, unerbittlich und nicht immer verständnisvoll, wenn es um Kritik an ihrem höchsten Heiligtum geht. Um zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, muss man vor allem den Menschen verstehen, der das alles erschaffen hat: George Lucas.

Lucas wird am 14. Mai 1944 im kleinen kalifornischen Ort Modesta geboren, wo er eine Kindheit verlebt, die er selbst gerne mit den Gemälden Norman Rockwells vergleicht. Sein Vater George Senior, so schildert es Patrick Biskind (dessen Anekdotensammlung "Easy Riders, Raging Bulls" zum Pflichtprogramm jedes Filmfreundes gehört!), führt einen kleinen Schreibwarenladen, den George einmal übernehmen soll. Er ist ein strenger Vater, der George mit viel militärischem Drill erzieht, was Lucas' lebenslange antiautoritäre Einstellung erklären soll.
George Lucas am Studio-Set von STAR WARS.
© Twentieth Century Fox
Darüber hinaus schildert Biskind Lucas als schwächlichen Jungen, der in der Schule ordentlich Prügel bezieht und sich von seiner kleinen Schwester helfen lassen muss. Zeit seines Lebens wird Lucas als sozial ungeschickt betrachtet – es fällt ihm nie leicht, mit anderen Menschen umzugehen. Er ist introvertiert und schüchtern, ein brütender, distanzierter Eigenbrödler voller Minderwertigkeitskomplexe und wenig emotional.
Zunächst will Lucas Rennfahrer werden, ein Berufsziel, der sich für ihn nach einem schweren Unfall erledigt. So wendet er sich seiner zweiten großen Leidenschaft zu: dem Kino. Lucas beschließt, Filmemacher zu werden.
Mit seinem Vater soll das zum endgültigen Bruch geführt haben. Sein familiäres Umfeld soll aus George einen Menschen gemacht haben, der Geld und Macht mit Liebe gleichsetzt. Ganz abwegig ist diese Aussage nicht, wie sich noch zeigen wird.
Als Lucas sein Elternhaus verlässt, um an die Filmhochschule zu gehen, ist sein Vater enttäuscht und wütend. Angeblich wirft er seinem Sohn vor, dass er als Künstler niemals reich werden wird. Damit scheint er eine nicht unerhebliche Motivation in George Lucas freigesetzt zu haben.

New Hollywood Movie Brats


Lucas kommt in einer aufregenden Zeit nach Hollywood, denn das Filmgewerbe befindet sich in massivem Umbruch.
1967 hat der Film BONNIE UND CLYDE von Warren Beatty und Robert Towne gerade alles durcheinandergewirbelt. Das alte Studiosystem begann, unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen und in kreativer Stagnation zu versinken. Lucas lernt dieses System noch am eigenen Leib kennen: „Zillionen von Dollarn“, die pro Minute in aufwendige, aufgeblähte Studiofilme gepumpt werden, die am Ende das Publikum langweilen, beschreibt er einmal klagend eine Produktion, die er als junger Student begleitet.

In dieser Zeit stürmen einige junge Filmemacher voran und reißen Hollywood an sich. Mit Warren Beatty als Speerspitze beginnen Schauspieler, Autoren und Regisseure, traditionell "nur" Angestellte und Auftragsarbeiter der Studios, plötzlich, sich an der französischen Nouvelle Vague zu orientieren und - ohne Vorgabe oder Auftrag - ihre eigenen Stoffe zu schreiben und zu inszenieren.
Unter dem Schlagwort des „New Hollywood“ hält so der Autorenfilm Einzug in LA und erweist sich als unbändige kreative Macht. Neben Beatty finden Stars wie Robert Altman, Jack Nicholson, Dennis Hopper, Meryl Streep, Al Pacino, Martin Scorsese, Robert DeNiro und Tausend andere ihren Weg auf die Leinwände und kreieren eine ganze neue Art von Hollywood-Kino: unabhängige Filme, die psychologisch motivierte Geschichten realistisch und ungeschönt erzählen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt jener Jahre ist der Wandel der Arbeit als Filmemacher von einem Ausbildungs- zum Studienberuf. Gut hundert Jahre lang beruhte eine Karriere beim Film vor allem darauf, dass man ganz unten begann, als "Produktionsassistent" (ein Euphemismus für Kaffeehalter, Fußabtreter und Sich-Anschnauzen-Lasser) und sich im Laufe der Jahre durch Erfahrungen und Beziehungen nach oben arbeitete. Doch Ende der Sechziger werden die Filmschulen immer wichtiger. Man beginnt immer mehr, das Filmemachen akademisch und systematisch zu studieren, die alten Werke zu analysieren und zu imitieren.
© Twentieth Century Fox
Für den jungen Lucas wird die Filmschule zum Schlaraffenland. Lucas ist, wie sich ebenfalls später zeigt, eher Analyst als Künstler, und er liebt es, sich in die Filmgeschichte zu vergraben. Er schließt außerdem schnell Freundschaft zu drei weiteren Filmschülern, die ihn die ganzen Siebziger hindurch eng begleiten sollen: Steven Spielberg, Martin Scorsese (für den Lucas' Frau Marcia etliche Filme schneidet) und Francis Ford Coppola, der, auch wenn er nur sechs Jahre älter ist, für Lucas zu einem väterlichen Freund und Mentor wird.
Die Filmgeschichte findet später einen Namen für diese jungen, wilden Filmemacher, die mit wenigen hundert oder tausend Dollar ihre Filme zusammenschustern, und damit bald mehr Erfolg an den Kinokassen haben als die Studios mit ihren Multimillionen-Dollar Produktionen: „Movie Brats“. Ihnen wird die Zukunft gehören, und sie werden das neue Hollywood-Kino gebären.

Beim nächsten Film wird alles anders


Lucas steht dennoch vor einem Problem. Er hat nicht wirklich etwas zu sagen. Von den „Auteuren“ des New Hollywood erwartet man, dass sie persönliche Geschichten erzählen. Etwas mit Herzblut. Besonders Scorsese punktet hier immer wieder mit kleinen aber aussagekräftigen Filmen, die unbequem aber interessant sind. Lucas hingegen liebt bunte Abenteuer.
Er ist, wie viele Movie Brats, in den Fünfzigern vor dem Fernseher aufgewachsen und hat Abenteuerfilme und Serien verschlungen: Captain Blood, Flash Gordon, Buck Rogers und all die anderen Helden der Fortsetzungsgeschichten, die er womöglich mit Cowboyhut und Spielzeugrevolver in der Hand vor dem Fernseher liegend eingesogen hat. Lucas ist tatsächlich ein Kind des Fernsehens – das Kino hat er erst als Jugendlicher entdeckt; und natürlich im Studium, wo er die alten Meister studiert und seine Liebe vor allem zu einem Vorbild entdeckt: Akira Kurosawa.

Schon im Studium entwickelt sich bei Lucas, der als Künstler ernst- und wahrgenommen werden will, der Eindruck, er müsse möglichst künstlerische Filme drehen. Emotionalität und Unterhaltung kann er nur schwer in ein Drehbuch pressen. Dennoch sind seine Werke von Anfang an vor allem im Science Fiction Bereich angesiedelt. Nur, dass er nichts erzählt - er versucht, künstlerische Fantasiefilme zu drehen.
Alec Guinness ist neben Peter Cushing der einzig gestandene Star, den Lucas für STAR WARS gewinnen kann. Der legendäre britische Theatermime weiß selbst nicht genau, wie er in diesen Kinderfilm geraten ist und drückt öfter Zweifel aus, dass er den Film für nicht sehr künstlerisch wertvoll hält und unter seiner professionellen Würde sei. Erst, als unzählige STAR WARS Fans, die sich auf die Füße getreten fühlen, ihn dafür angreifen, rudert er zurück.
© Twentieth Century Fox
Das setzt er nach seinem Studium fort. Mit Coppola gründet er eine kleine Produktionsfirma namens Zoetrope, organisiert ein Studio, das ihm 1,2 Millionen Dollar gewährt und dreht sein Erstlingswerk THX 1138. Der Film wird – ungewöhnlich. Lucas inszeniert einen verkünstelten, düsteren Science-Fiction Streifen, der aber niemanden anspricht. Das Studio entreißt ihm die künstlerische Kontrolle, schneidet den Film nach eigenem Gusto um, und alles wird ein riesiger Flop. Lucas' künstlerischer Film erzählt keine Geschichte und rührt niemanden an. Er macht keinen Gewinn damit, da die Studios ihn übers Ohr hauen und so gut wie alle, ohnehin geringen Einnahmen für sich behalten. Lucas schäumt vor Wut.
(Immer wieder wird deutlich, dass Lucas einen „guten Film“ mit einem guten finanziellen Gewinn gleichsetzt. Als ihm in den Achtzigern eine Schauspielerin erzählt, ihr habe THX 1138 von all seinen Filmen am besten gefallen, soll er verwundert erwidert haben: „Aber der hat doch überhaupt nichts eingespielt.“)

Schon jetzt hadert Lucas mit sich und verliert die Lust daran, als Autor und Regisseur weiter zu arbeiten. Er hat so gut wie nichts an THX 1138 verdient und sich dafür fast kaputt gemacht, von seinem Frust und dem Zorn aufs Studio ganz zu schweigen. Für ihn stehen die Mühen des Filmemachens und der finanzielle Erfolg in keinem Verhältnis, schon gar nicht, solange die Studios weiterhin die Filmemacher ausbeuten.

Seine Freunde Spielberg und Coppola raten Lucas, es einmal mit einer emotionalen Geschichte zu versuchen, die das Publikum mitreißt.
Schließlich grübelt er darüber nach, was dem Kino fehlen könnte. Ihm sind die New Hollywood Filme der letzten Jahre zu düster. Der Vietnamkrieg tobt, und nicht einmal in den Kinos finden die Zuschauer Entspannung von all der Finsternis der Welt. So beschließt er, eine heitere Komödie zu drehen, die das Prä-Vietnam Gefühl wieder aufleben lässt. Er beschließt, seine eigene Jugend im kleinen Modesta filmisch wiederaufleben zu lassen, eine Zeit, in der das Leben aus Autos, Spaß, Jukeboxes und den Top Ten der Radiocharts bestand. Das Modesta von 1962. Unter dieser Prämisse setzt er sich an sein Drehbuch zu AMERICAN GRAFFITI.
In einer Kinowelt, die DER PATE, TAXI DRIVER oder DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN ins Kino brachte, wurden Filme, die solche Bilder hervorbringen, eher misstrauisch beäugt. Aber im New Hollywood durfte jeder seine Träume ausleben, wenn er jemanden fand, der sie bezahlte. Selbst wandelnde Bettvorleger und ganz viele blinkende Lichter.
© Twentieth Century Fox
Die Produktion wird erneut zu einem Alptraum. Zunächst will kein Studio den Film haben, bis Universal anbeißt. Zwischenzeitlich will Coppola den Film sogar von seinem eigenen Geld produzieren, doch Universal gibt ihn nicht mehr her. Lucas erhält nach dem Flop von THX 1138 nur noch ein Budget von 600.000 Dollar, das nicht annähernd reicht. Schon die Lizenzen für die verwendeten Lieder im Film sind horrend teuer. So wird das Budget schließlich auf 750.000 Dollar erhöht. Coppola produziert den Film mit.
Aber Lucas ist und bleibt ein nur mäßig talentierter Filmemacher. Er hat kein Händchen fürs Casting (er will AMERICAN GRAFFITI mit zwei Fremden drehen, die er am Flughafen streiten sieht), und schon gar nicht kann er am Set mit den Leuten von der Crew umgehen. Niemand mag ihn – was auf Gegenseitigkeit beruht. Er kann keine Anweisungen geben, die Schauspieler nicht führen, und würgt sich mit jeder Menge Bauchschmerzen durch 28 Drehtage, in denen er meistens nur filmt, wie seine Schauspieler mehr oder weniger improvisieren.

Am Ende kommt es zum Eklat. Bei einer Testvorführung ist das Publikum außer sich vor Begeisterung und tanzt auf den Sitzen, doch der Chef der Universal ist entsetzt, sieht in dem Film eine Katastrophe und will ihn unbedingt umschneiden um ihn zu retten. Gerade zu dieser Zeit räumt Coppolas DER PATE jedoch bei den Oscars ab und bringt Lucas' Freund seine erste Trophäe ein. Dank dieses Triumphs lässt sich das Studio von Coppola überzeugen, den Film ungeschnitten rauszubringen, aber nur als Fernsehpremiere.
Lucas ist am Boden zerstört, und es kostet ihn und Coppola alle Mühen, den Film doch noch in die Kinos zu bringen.

AMERICAN GRAFFITI wird ein Riesenhit. Am Ende spielt der 750.000 Dollar teure Film mehr als 55 Millionen Dollar ein. Lucas hat ihn für 20.000 Dollar und eine Gewinnbeteiligung gedreht, von der ihm nach Abzug der Steuern 4 Millionen bleiben. Für Coppola bleiben 3 Millionen übrig. Den Rest sackt mehr oder weniger das Studio ein.

Für Lucas war es das. Erneut fühlt er sich um die Früchte seiner Arbeit betrogen und sieht keinen Sinn mehr darin, sich für einen Film die Finger blutig zu schuften, wenn er nichts vom Kuchen abkriegt. Er sagt dem Studiosystem endgültig den Kampf an. Doch ihm fehlt der Erfolg als Druckmittel gegen die Schwergewichte in den Büros. Er muss einen Hit landen. Unbedingt.

Der Mind-Trick der Gewinnmaximierung


Vielleicht ist es gut, dass Lucas derart desillusioniert von seiner Karriere als Filmemacher ist. Denn jetzt beginnt er, sich intensiv mit dem Projekt auseinanderzusetzen, das ihm schon vor AMERICAN GRAFFITI eine Weile im Kopf herumschwirrt. Irgendwie hat Lucas tatsächlich etwas gefunden, das er aus tiefstem Herzen zu erzählen hat. Er will seine Idee um jeden Preis zu einem Erfolg machen, und der Erfolg von AMERICAN GRAFFITI hat ihm bewiesen, dass ein Film dann erfolgreich wird, wenn er eine möglichst junge, möglichst große Zuschauerschaft emotional anspricht und fesselt.

Lucas wendet sich den Kindern zu, denn er bedauert ohnehin, dass den Kindern nicht mehr die Abenteuer geboten bekommen, mit denen er selbst noch aufgewachsen ist. Das Kino ist, wie erwähnt, immer düsterer geworden. Was fehlt, sind die leichten, unbeschwerten Abenteuer, Geschichten, die den Kindern eine klare Moral mitgeben, ein klares Gut gegen ein klares Böse. Früher hatte Walt Disney diese Sparte bedient, doch der hat sich mittlerweile aus dem Segment der Abenteuerfilme für Kinder zurückgezogen. Lucas beschließt also, einen Disneyfilm zu machen. Ein beschwingtes, leichtes, buntes Abenteuer für Kinder, eine moderne, zeitgemäße Hommage an all die sprühenden Abenteuergeschichten seiner eigenen Kindheit.
Herrenabend auf Tatooine.
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Er stürzt sich in die Pläne, die er zunächst als reines Remake des Klassikers FLASH GORDON plant, doch er kann sich die Rechte an dem Stoff nicht sichern. Und so beginnt er, seine eigene, luftig leichte "Soap Opera in Space" (Space Opera) für Kinder zu erstellen.
Die Arbeit erweist sich für Lucas erneut als Alptraum. Innerhalb eines Jahres erstellt er irgendwie eine Synopsis – eine Krude Aneinanderreihung von Wörtern, eine Zusammenfassung, in der Figuren wie Mace Windu und Anikin Skykiller gegen Jedi-Bentu und die „Force of the Others“ kämpfen. Sein Agent und sein Manager verstehen kein Wort davon, aber sie sind artig und legen den Pitch den Studios vor.
AMERICAN GRAFFITI ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht angelaufen, und so lehnen die meisten Studiobosse schmunzelnd ab. Der Chef der 20th Century Fox hat AMERICAN GRAFFITI aber schon vorab gesehen und lädt Lucas ein. Bei dieser Gelegenheit bietet Lucas ihm seine Idee zu THE STAR WARS an, die er – etwas verständlicher – als Mischung aus CAPTAIN BLOOD (zu Deutsch: UNTER PIRATENFLAGGE) und BUCK ROGERS anpreist.

Schließlich macht die Fox einen Deal mit Lucas, bei der Lucas selbst 120.000 Dollar, seine Firma 40% des Netto-Einspielergebnisses und ein Budget von 3,5 Millionen Dollar erhielt. Lucas schlägt zu. Er weiß, dass 3,5 Millionen viel zu wenig sind, für das, was ihm vorschwebt, aber er will sein potentielles Studio nicht verschrecken.
Erst als AMERICAN GRAFFITI an den Kinokassen abzuräumen beginnt, sucht Lucas erneut den Kontakt zur Fox. Er will seinen Deal für STAR WARS neu verhandeln. Und hier erweist sich sein wahres Genie: So unterdurchschnittlich Lucas als Filmemacher ist, so begnadet ist er darin, ein Publikum zu erspüren und die Wirkungen bestimmter Filme zu analysieren.

Lucas hat keine Illusionen darüber, was für einen Film er plant. Er bereitet den konventionellsten, am stärksten auf Mainstream und Massentauglichkeit gebürsteten Film des Jahrzehnts vor. Vielleicht aller Zeiten. Einen waschechten, lupenreinen Disneyfilm für die ganze Familie, etwas, das jedem gefällt und niemanden brüskiert. Disneyfilme, rechnet er sich aus, spielen etwa 16 Millionen ein, also wird auch sein Film, wenn er gelingt, 16 Millionen einspielen. Die Kosten schätzt Lucas allerdings bei wenigsten 10 Millionen ein, also ist hier kein Gewinn zu machen.
Nachdem die Studios ihn zwei Mal übers Ohr gehauen haben, will er diesmal die komplette Kontrolle selbst behalten. Er verhandelt ein höheres Grundgehalt von 500.000 Dollar und besteht darauf, dass seine eigene Firma den Film produziert. So kann er sichergehen, dass ihm niemand mit gefälschten Kostenrechnungen die Gewinnmarge kleinrechnet (damals eine öfter zu beobachtende Praxis der Studios). Vor allem aber will Lucas das alleinige Sagen bei seinem Film haben. Niemand, der ihn umschneidet oder ihm reinredet wie zuvor.
Da er sich kaum Einspielgewinne ausrechnet, aber deutlich erspürt, wie Kinder auf Filme reagieren, die sie lieben, verlangt er außerdem noch die alleinigen Rechte an der Filmmusik und sämtliche Gewinne aus dem Verkauf des Soundtrackalbums. Er verlangt die Rechte an allen eventuellen Fortsetzungen. Und er will sämtliche Merchandising-Rechte.

Für das Studio sind Lucas' Forderungen ein Witz. Noch nie hat ein Film nennenswerte Gewinne in diesen Bereichen erzielt. Fortsetzungen sind finanzielle Selbstmorde (tatsächlich ist DER PATE 2 die bis dahin einzig nennenswert erfolgreiche Fortsetzung gewesen!), kein Mensch kaufte je den Soundtrack eines Films, der kein Musical oder voller Pop-Songs war, und Merchandising wird als äußerst suboptimale Werbemaßnahme wahrgenommen, die keinem Film größere Zuschauerzahlen verschafft. Spielzeugfiguren hingegen lohnen sich nicht – kein Film hat Figuren, deren Wiedererkennungswert hoch genug ist, um eine Spielzeugpuppe zu rechtfertigen, und es dauert anderthalb Jahre, die Puppen herzustellen – ein Zeitraum, in dem selbst dem erfolgreichsten Film kein Hahn mehr hinterherkräht.
STAR WARS ist auch deshalb so erfolgreich, weil er die Phantasien des Publikums ernst nimmt. Der Film handelt von uralten Themen: von Gut gegen Böse, von Liebe und Verrat, von Loyalität, Kameradschaft und Treue. Dass ein Haudegen wie Han Solo und eine Fantasiefigur wie Chewbacca frei von jeder Ironie als füreinander einstehende Partner und Kumpels inszeniert werden, hilft, diese Emotionen zu transportieren, ohne dass das Publikum sich dabei lächerlich vorkommt. So lächerlich Chewbacca auch wirken mag, da der Film ihn und seine Beziehung zu Han Solo ernst nimmt, tut der Zuschauer das ebenfalls.
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Lucas hingegen hat bereits Vorstellungen davon, wie seine Charaktere aussehen sollen, und er glaubt, dass er die mangelnden Einspielergebnisse mit einem moderaten Figurenverkauf an ein paar begeisterte Kinder ausgleichen kann. Noch ahnt er nicht, dass er das Merchandisinggeschäft (vor dem Hintergrund des Videozeitalters) erst gründen wird.

Film ist doch für alle da


Lucas ist zwar kein guter Filmemacher, aber eben eine äußerst talentierte Krämerseele und ein hervoragender Analyst. Er weiß, wenn sein aktuell noch THE STAR WARS getauftes Projekt ein Erfolg werden soll, muss es absolut massentauglich sein. Er will Kinder ansprechen, weil er weiß, dass Kinder, wenn ihnen ein Film gefällt, mehrmals ins Kino rennen um ihn zu gucken, sich die Schallplatte kaufen, und ein paar Figuren. Aber er muss auch etwas für alle anderen bieten: Jugendliche und Erwachsene, Männer und Frauen, Christen und Atheisten. Während die anderen Movie Brats, allen voran Scorsese und Coppola, absolute Nischenfilme voller Ecken und Kanten drehen, beginnt George Lucas voller Leidenschaft, den Mainstream zu erforschen.

Er vergräbt sich so tief in seine Recherchen, dass kaum noch etwas von ihm zu sehen ist. Er studiert Märchen und Heldensagen, analysiert Dutzende von Filmen und Geschichten, schaut jeden je gedrehten Science-Fiction Film wieder und wieder, kauft Woche um Woche Stapelweise Comics und und Science-Fiction Kurzgeschichten, die er durchackert. Am Ende orientiert er sich fast vollständig an dem Lehrwerk, in dem ohnehin sämtliche Fäden zusammenlaufen: „Der Heros in tausend Gestalten“ von Joseph Campbell, in dem die Struktur aller Heldengeschichte seit der Antike erläutert wird. Hier entnimmt er den Topos der Heldenreise, nach der er seine Abenteuergeschichte aufbauen will: Der Held wird „gerufen“, erhält also eine unerwartete Aufgabe, er „zögert“, dieser Aufgabe zu folgen, bis ihn die Umstände zwingen und er „aufbricht“. Er absolviert einige „Prüfungen“ und trifft dabei auf einen „Mentor“, der ihm hilft. An der „Schwelle“ muss der Held seine erste große Prüfung meistern, an deren Ende er einen Schatz erhält, und dadurch zum Helden „transformiert“ wird. Doch der Held „weigert“ sich noch, in den Alltag zurückzukehren. Nur mühsam vollzieht er die „Rückkehr aus der Unterwelt“ und kehrt zurück in die „Alltagswelt“, wo er fortan jedoch als erfahrener Held als „Herr zweiter Welten“ gilt.
Wer aufgepasst hat, wird hier neben STAR WARS (der Struktur der ersten Trilogie) auch die Struktur von HERR DER RINGE und wenigstens acht Millionen anderer Werke wiedererkannt haben.
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Lucas weiß: Wenn sein STAR WARS massentauglich sein soll, darf er keine Charaktere verwenden, niemanden mit Ecken und Kanten und inneren Widersprüchen wie Scorsese sie immer wieder entfesselt. Er braucht Figuren. Archetypen. Abziehbilder. Charaktere, deren Anblick bereits ihre Funktion deutlich macht. Die eine klare, unmissverständliche Aussage an die Kinder richten, und zweifelsfrei als Vorbild oder als Hassobjekt dienen.

Lucas modelliert all die Abenteuer seiner Jugend und seines Studiums in seine Weltraumsaga ein: Die Piratenabenteuer, die Samuraifilme von Akira Kurosawa, die wilden Weltraumabenteuer von Flash Gordon und Buck Rogers – aus allem pickt er sich das Wildeste, Packendste und Lustigste heraus, und folgt dabei einer simplen Prämisse: Solange er den Zuschauern in jedem Bild, in jeder Szene etwas Spektakuläres bietet, etwas Einmaliges, das sie in den Sitz presst, so lange wird niemand auf die Idee kommen, die Tiefe der Figuren zu hinterfragen. Er will sämtliche Highlights all der Filme aus seiner Kindheit in einer einzigen Spektakel-Collage aneinanderreihen.

Das erste Monstrum


Doch Lucas überhebt sich. Er hat eine Vision, eine ungefähre Vorstellung von dem, was am Ende herauskommen soll, doch er kann es nicht konkret zu Papier bringen. Er arbeitet acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche an seinem Drehbuch. Sein fiktives Universum rund um Weltraumpiraten, Prinzessinnen, Raumstationen und Säbelschlachten ufert immer weiter aus. Lucas weiß, dass er die dramatischen Elemente einer Seifenoper einbauen muss – Familienlegenden, Geheimnisse, Vatersünden. Alles das, was schon in der Antike die Münder offenstehen ließ. Doch er bekommt es einfach nicht in den Griff. Mal ist sein Entwurf handlungsgetrieben, dann wieder charaktergetrieben. Er vereint Charaktere in einer Figur und trennt sie wieder, Obi-Wan ist zunächst ein general, dann ein verrückter Einsiedler, dann beides zusammen.
Zudem macht es ihm zu schaffen, dass er nie richtig schreiben gelernt hat. Er kann sich die Namen seiner Charaktere nicht merken, „Chewbacca“ schreibt er immer wieder anders, und mal ist er ein Ewok, dann wieder ein Wookie. Außerdem hat er Mühe, den richtigen Ton zu treffen. Seine Figuren sollen abenteuerlustig sein, seine Bösewichte furchteinflößend, aber es soll alles brav und familientauglich bleiben und möglichst niemanden vor den Kopf stoßen. (Dafür fixiert er beispielsweise Carrie Fishers Brüste beim Dreh stets mit Klebeband – „Keine wippenden Brüste im Weltall, oh nein, Sir!“, kommentiert Fisher das trocken. Umso größer später die Aufregung um den "Goldenen Bikini".)

Schließlich hat er einen Drehbuchentwurf fertig, den er Coppola vorlegt. Der ist wenig begeistert – er versteht kein Wort. Lucas ist immer sehr eigen darin, Kritik aufzunehmen – sie trifft ihn hart. Er wird abwechselnd bleich und hochrot, doch er nimmt sie ernst, zeichnet jedes Wort auf, und versucht, sein Werk zu verbessern. Coppola wirft ihm vor, dass kein Zuschauer verstehen wird, wovon der Film hier handelt. Von Mächten und Jedi-Bentus, Guten und Bösen Seiten irgendeiner Energie.
Huutini! Oder wie schreibt ihr das?
© Twentieth Century Fox
Lucas hadert mit sich, vor allem, weil er durchaus verführt ist, Coppolas Angebot zu folgen, denn sein Freund versucht schon seit langem, ihn dazu zu bewegen, Regie zu führen bei APOCALYPSE NOW, einem Herzensprojekt Coppolas, das dieser einfach nicht in Schwung kriegt.
Schließlich lehnt Lucas Coppolas Angebot für APOCALYPSE NOW ab, da er sich finanziell übervorteilt fühlt. Stattdessen entscheidet er sich schweren Herzens, das Unvermeidliche anzuerkennen: Seine Vision einer Sternensaga ist einfach zu groß, zu komplex für einen einzelnen Film. Er schmeißt drei Viertel seiner Ideen aus dem Script und legt sie zur Seite. Sollte sein Film ein Erfolg werden, denkt er sich, könne er all das in einer Fortsetzung verwenden.

Jetzt, wo der Stoff deutlich entschlackt ist, bekommt er ihn endlich in den Griff. Bereits seit zwei Jahren feilt und brütet er an dem Drehbuch, das er immer wieder und wieder und wieder umgeschrieben hat, bis er etliche Zwangsneurosen entwickelt hat (So schneidet er sich immer Strähnen seiner Haare ab, die er mit zerknüllten Drehbuchseiten im Papierkorb deponiert.)
Er geht mit dem (vermutlich vierten) finalen Drehbuchentwurf – den er heimlich von zwei befreundeten Autoren hat feinschleifen lassen – erneut zur 20th Century Fox und handelt einen neuen Deal aus. Er will 8,5 Millionen Dollar. Für einen Kinderfilm im belächelten Science-Fiction Genre – der Inbegriff für Trash! –, in dem er keine Stars hat, der auf keiner Romanvorlage beruht (wie etwa Spielbergs Genre-Erfolgshit DER WEISSE HAI kurz vorher). Zum Erstaunen aller bewilligt die Fox ihm das Budget, und Lucas kann endlich loslegen.

Das zweite Monstrum


Noch während er an seinem letzten Entwurf feilt, macht Lucas sich daran, eine Special-Effects Firma zu gründen. Er tauft sie Industrial Light & Magic (ILM), kauft ein kleines, leeres Lagerhaus in LA an, und stellt Tim Nelson und John Dykstra als Effektspezialisten ein. Die beiden müssen buchstäblich ganz bei Null anfangen. Selbst die Wände müssen sie noch in die Lagerhalle ziehen. Dykstra ist Lucas' große Hoffnung – er hat mit Douglas Trumbull an 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM gearbeitet, dem Film also, der Lucas als Vorbild für seine Effektqualität vorschwebt. Dykstra entwickelt für STAR WARS das später „Motion Control“ genannte Verfahren, bei dem eine Kamera computergesteuert wieder und wieder exakt dieselbe Fahrt wiederholen kann, so dass man mehrere Aufnahmen perfekt übereinanderlegen kann - der Schlüssel zu vielen Effekten in STAR WARS.

Doch ausgerechnet mit seinem Effektstudio steht Lucas von Anfang an auf Kriegsfuß. Er erwartet nicht weniger als ein Wunder von den Effektjungs. Die besten Effekte aller Zeiten "für möglichst nicht mehr als 2 Dollar", wie Nelson süffisant erklärt. Doch wie Lucas es befürchtet hat, erweist sich ILM als Fass ohne Boden. Die Effekte, die ihm vorschweben, sind mit der aktuellen Technik einfach nicht realisierbar. Nelson klagt, Lucas wollte es so günstig, dass es ihm am liebsten gewesen wäre, sie hätten ein schwarzes Laken aufgespannt, vor dem sie Raumschiffmodelle auf Besenstielen herumfliegen ließen. Angeblich soll er das einmal tatsächlich vorgeschlagen haben. 
Drei der 8,5 Millionen vom Budget sind für ILM vorgesehen. Nach einem Jahr haben die Jungs gut fünf Millionen verbraten, und tüfteln immer noch an der Umsetzbarkeit der Effektszenen herum. Die wenigen Effekte, die auf Film gebannt wurden, sehen erbärmlich aus. Lucas, fürchtet, dass er erneut über den Tisch gezogen wird, und liefert sich mit Dykstra lautstarke Streitereien in der Halle.
Immer wieder will Nelson Lucas erklären, dass die Vorgaben unmöglich zu erfüllen seien, aber Lucas will davon nichts hören. In seinen Augen hängt sein ganzes Projekt an diesen Effekten!

Bis heute wird an den Effekten von STAR WARS geschraubt. Ein Alptraum für Filmhistoriker, aber für die Fans eine einerseits erfreuliche, andererseits teure Angelegenheit. Immer wieder werden die Effekte an den neuen Stand der digitalen Technik angepasst und vor allem von George Lucas erweitert und der Film dann, zum Vollpreis, neu auf den Markt gebracht. Die Anzahl unterschiedlicher Versionen des Films ist kaum noch zu zählen. (Aber es sind wenigstens fünf!) So bleibt der Film auch für ein junges Publikum noch sehenswert. Die reine Kinofassung von 1977 würde man heute wohl als verstaubt betrachten. Hier ein Bild aus der neuen Blu Ray Fassung.
© Twentieth Century Fox
Und damit soll er recht behalten. Zwei Jahre später sind die Effekte immer noch nicht brauchbar, aber Lucas führt seinen Freunden bereits einen Rohschnitt vor, in dem die Effekte fehlen, bzw. in dem er die Raumkampfszenen mit Dogfights aus Zweiter Weltkriegs Filmen ersetzt hat. Das Ergebnis ist katastrophal, selbst seine Frau Marcia hält den Film für völlig missglückt. Bei einem anschließenden Dinner zerpflückt Brian De Palma STAR WARS derartig, dass Lucas nur noch schweigend dasitzt, und seine Frau Marcia wütend auf De Palma losstürmt.
Einzig Spielberg glaubt an einen Erfolg des Films und trichtert seinem Freund ein: „Wenn du das hinkriegst, spielt der Film 100 Millionen ein“. 1976 sind 100 Millionen eine nahezu unmögliche Summe, die bislang lediglich von DER WEISSE HAI erreicht worden ist.

Am Ende arbeiten die Magier bei ILM in drei Schichten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche mit längst erschöpftem Budget. Doch Lucas kann seine Frustration nicht mehr überwinden. Als STAR WARS seinen Siegeszug antritt, teilt er an so gut wie alle Beteiligten kleine Gewinnbeteiligungen aus, als Lohn für ihre Arbeit. Nur Nelson und Dykstra von ILM erhalten keinen weiteren Cent mehr von Lucas. Wutentbrannt kündigt Dykstra, nimmt beinahe die gesamte Belegschaft von ILM mit, und gründete seine eigene Firma, die sogleich mit der Arbeit an der Fernsehserie KAMPFSTERN GALACTICA beginnt.

Später erhält er immerhin zwei Oscars für seiner Arbeit an STAR WARS.

Das dritte Monstrum


Doch auch an vorderster Front weht Lucas ein harscher Wind entgegen. Lucas, der noch nie, kein einziges Mal, gerne Regie geführt hat, zerbricht an STAR WARS endgültig.

Die Drehs mitten in der tunesischen Wüste erweisen sich für alle Beteiligten als Alptraum, nicht zuletzt für die Darsteller Kenny Parker und Anthony Daniels in ihren Roboter-Kostümen.

Aber auch die Studiodrehs werden für Lucas zur Zerreißprobe. Er dreht, um die Kosten zu senken, in England, aber er hat noch immer nicht gelernt, mit Menschen umzugehen. Wie schon bei AMERICAN GRAFFITI herrschen zwischen Team und Regisseur vor allem Abneigung und Misstrauen. Lucas fühlt sich vom englischen Team sabotiert, die wiederum nehmen weder den Film noch Lucas ernst. Lucas ist außerdem sehr stolz – verweigert man ihm einen Wunsch ein einziges Mal, fragt er einen nie wieder. Er selbst bedankt sich nie und wirkt kalt und distanziert, kennt oft nicht einmal die Namen seiner Crewmitglieder. Der Kameramann ruft ständig nur: „Bringt den Köter rein“ und "stellt den Köter dort hin", wenn Chewbacca an der Reihe ist. Auch mit Harrison Ford knallt Lucas immer wieder zusammen.

Zwei legendäre Anekdoten erzählen davon. Einmal soll Ford Lucas das Drehbuch um die Ohren geschleudert haben mit dem Satz: „George, diese Scheiße kann man vielleicht in eine Maschine tippen, aber man kann sie unmöglich sprechen.“ Ein andernmal setzt Lucas Ford ins Cockpit des „Millenium Falcon“ mit der Anweisung, ihn zu fliegen. Ford schaut sich die nur aus Knöpfen und Hebeln bestehende Oberfläche an, dreht sich um und fragt: „Wie fliegt man das Ding?“, worauf Lucas gesagt haben soll: „Was weiß ich. Du bist der Pilot.“

Später unkt man, dass Lucas' Regieanweisungen sich auf zwei Sätze beschränkt haben sollen: „Okay, nochmal, aber diesmal besser!“ und „Schneller, mit mehr Ausdruck!“, und dass ihm ein paar böswillige Crewmitglieder genau diese zwei Sätze auf zwei Schilder zum hochhalten gemalt haben sollen. (Was aber vermutlich nur ein Gerücht ist.)

Darüber hinaus werden Lucas die Logiklöcher seines Films immer klarer vor Augen geführt. Einmal klagt er zu Spielberg: „Ich habe fünfzig Sturmtruppler, die aus vier Metern Entfernung auf drei Menschen schießen, aber keiner wird verletzt. Wer soll denn das glauben?“
Lucas wird immer deprimierter, quält sich mit Entzündungen und weiteren Wehwehchen immer mühsamer ans Set. Als am letzten Drehtag Überstunden anstehen, stimmen die britischen Crewmitglieder tatsächlich per Handzeichen darüber ab – und gehen pünktlich nach Hause.
© Twentieth Century Fox
Auch Spielberg besucht Lucas am Set. Er stellt fest, dass George herzlich uninspiriert und überfordert gewirkt habe. Dass er nie die Kamera bewege, sondern „sie einfach auf zwei Stöcker montiere, und abfilme, was sich davor abspielt.“ Er bietet ihm an, als Second Unit Director einzuspringen, doch Lucas lehnt entsetzt ab.
 Er steht unter enormem Druck. Alle seine Freunde haben bereits ihre Erfolge: Scorsese mit HEXENKESSEL und TAXI DRIVER, Spielberg mit DER WEISSE HAI und Coppola mit DER PATE I + II. Nur Lucas konnte sich noch nicht beweisen, denn in den Augen der Welt war AMERICAN GRAFFITI vor allem Coppolas Erfolg. Er will auf keinen Fall, dass STAR WARS irgendwie mit Spielberg in Verbindung gebracht wird.

Erfolg im hawaiianischen Sand


Am Ende bekommt Lucas seinen Film tatsächlich irgendwie fertig. Gut elf Millionen hat er alles in allem gekostet. Aber er selbst glaubt nicht an sein Werk. „Ich habe nur dreißig Prozent von dem umsetzen können, was ich wollte“, klagt er, und prophezeit sich selbst ein monumentales Scheitern. Spielberg arbeitet gerade selbst an einem heiß erwarteten Science-Fiction Film: UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART, und Scorsese will mit NEW YORK, NEW YORK punkten. Plötzlich glaubt Lucas nicht mehr daran, dass sein Film ein Erfolg werden könnte. Als die Premiere ansteht, will er sich mit seiner Frau Marcia nach Maui verziehen, so sehr fürchtet er, dass man ihn für seinen albernen Kinderfilm aus der Stadt jagen wird. Er bekommt noch mit, dass die Premiere im Mann's Chinese Theater gut verläuft, erklärt aber, dass Science-Fiction Filme am Anfang immer gut laufen würden. Am nächsten Tag flüchtet er nach Hawaii.
Dort erfährt er aus den Nachrichten von seinem Triumphzug, den STAR WARS innerhalb weniger Tage allein durch Mundpropaganda erfährt. Im ganzen Land schweben Nachrichtenhubschrauber über den Menschentrauben, die sich vor den Kinos bilden. Diese ändern spontan ihr Programm und schmeißen andere Filme raus, um mehr STAR WARS zeigen zu können. Zum ersten Mal ändern sie außerdem ihre Politik - bisher konnte man, hatte man einmal ein Ticket, notfalls den ganzen Tag im Kino sitzen bleiben und sich die Filme wieder und wieder anschauen. Erst als STAR WARS läuft beginnen die Mitarbeiter, die Zuschauer nach jeder Vorstellung aus dem Saal zu schieben um Platz zu schaffen für die draußen nachdrängenden Massen. Bizarre Szenen spielen sich ab, bei denen Kinder und Jugendliche sich hinter Vorhängen und auf der Toilette verstecken, um den Film wieder und wieder hintereinander zu gucken. Auch die Stars werden völlig überrumpelt. Harrison Ford flüchtet eines Tages zerzaust und mit zerrissenem Hemd aus einem Plattenladen, in dem er von Horden von Teenagern überfallen wird. 
Bilder, wie man sie nie zuvor gesehen hat. Wochenlang werden die Kinos belagert. Jeder will STAR WARS sehen. Wieder, und wieder und wieder. Hier das berühmte Mann's Chinese Theater, wo der Film am 25. Mai 1977 seine Premiere feiert. Wenige Tage später entsteht diese Aufnahme. So sah das in der Zeit vor Homevideo und Streaming Diensten aus, wenn man Bingewatchen wollte!
© Twentieth Century Fox
STAR WARS schlägt ein wie eine Bombe, und schon nach einer Woche ist klar, dass er ein absoluter Megahit wird. Lucas hat es geschafft: Er hat seinen Erfolg errungen, und diesmal sammelt er höchstpersönlich alle finanziellen Früchte seiner Arbeit ein.
Und selbst falls er selbst zu dieser Zeit noch nicht daran glaubt – die anderen tun es. Noch während der ersten Tage schickt Coppola, der völlig Pleite ist, und verzweifelt versucht, seinen Dreh für APOCALYPSE NOW irgendwie über Wasser zu halten, Lucas seine eigene Variante eines Glückwunschtelegramms: „Schick Geld – Francis.“

Eine Woche später besucht Spielberg seinen Freund auf Hawaii. Lucas, nun deutlich gelöster, beginnt, mit Spielberg herumzualbern. Beide sind verwandte Seelen. Anstatt, wie ihre Kollegen und Freunde des New Hollywood – dessen Untergang George Lucas unwissentlich gerade besiegelt hat – alte Genres zu dekonstruieren, wollen sie sie neu aufleben lassen, sie reanimieren und mit modernen technischen Mitteln für die modernen Kinder und Jugendlichen neu erfahrbar machen. Als sie gemeinsam am Strand sitzen, skizzieren sie erste Ideen für einen gemeinsamen Film. Sie wollen die Pulp-Geschichten der Dreißiger neu auflegen. Mit einem echten Helden. Vielleicht einem Archäologen, der mit den Nazis um magische Schätze kämpft …

Innerhalb von nur drei Monaten spielt STAR WARS tatsächlich 100 Millionen Dollar ein. Im November sind es bereits 193 Millionen Dollar – STAR WARS ist offiziell der erfolgreichste Film aller Zeiten.

Das Genie der Collage


Heute kennt und weiß jeder um den Triumphzug, den Lucas' aus Zweifeln und harter Arbeit geborener „Kinderfilm“ STAR WARS hingelegt hat. Er hält bis heute an. Doch das ist mitnichten das Ergebnis eines guten Films. STAR WARS ist, egal nach welcher Definition, kein guter Film. Das wusste selbst Lucas, als er ihn schrieb und drehte.

Was vielleicht viel schwerer wiegt: STAR WARS ist nicht mal ein kreativer Film!
George Lucas bringt so gut wie keine einzige originäre Idee in den Film ein. STAR WARS ist eine einzige Collage, ein Zusammenschnitt aus den Leistungen anderer.
Die Struktur folgt der seit Jahrtausenden erprobten Struktur des „Heros in tausend Gestalten.“ Lucas bedient sich ausgiebig bei Akira Kurosawa. Nicht nur, weil er seine „Jedi“ vermutlich nach dem von Kurosawabedienten, in Japan „Jedai-Geki“ genannten Genre historischer Geschichten benennt. Er übernimmt die beiden lustigen Diener aus DIE VERBORGENE FESTUNG als Comic Relief und als Vorlage für R2-D2 und C-3PO. Auch Prinzessin Leia und ihre Attitüde sind eng an DIE VERBORGENE FESTUNG angelehnt. Die Cantina-Szene ist eine enge Kopie einer Szene aus YOJIMBO, und auch aus DIE SIEBEN SAMURAI finden sich etliche Szenen und Inspirationen. Selbst die Uniformen von Darth Vader und den Sturmtrupplern orientiert sich an den alten Samurai.
Ein waschechter Bösewicht trägt schwarz und erwürgt in der ersten Szene einen der Guten mit bloßer Hand und ohne richtig hinzuschauen. Eine sensationelle Einführung für Darth Vader, der noch immer als einer der populärsten Bösewichte der Filmgeschichte gilt. Selbst Sergio Leone hat es in SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD nicht besser hinbekommen. © Twentieth Century Fox
Die Vorbereitungen und der eigentliche Angriff auf den Todesstern übernimmt nahezu eins zu eins ganze Sequenzen aus dem Weltkriegs-Fliegerfilm THE DAM BUSTERS, der Fließtext am Anfang, der eine Zusammenfassung der vorhergehenden Episode sein soll, ist aus FLASH GORDON übernommen. (Die in STAR WARS so markanten „soft wipes“ beim Szenenwechsel finden sich sowohl bei Kurosawa als auch bei FLASH GORDON.)
Die Szenen, in denen Luke Skywalker anfangs in der Wüste Onkel und Tante verliert, sind fast bildgenau aus John Waynes DER SCHWARZE FALKE kopiert, die Lichtschwertduelle und Lukes heroischer „Schwung“ über den Abgrund stammen aus DIE ABENTEUER DES ROBIN HOOD und CAPTAIN BLOOD, C-3PO ist eine plumpe Kopie aus METROPOLIS, und in der abschließenden Zeremonie kopiert Lucas nahezu perfekt aus Riefenstahls TRIUMPH DES WILLENS.

Lucas hat bereits 1977 das betrieben, wofür Quentin Tarantino heute gefeiert wird: Schamloses Leichenfleddern alter Filme. Lucas' Leistung liegt nicht im kreativen Bereich – alles, was er selbst beisgesteuert hat, von den Dialogen bis zu den Namen – ist im Grunde schauderhaft miserabel. Doch er hat bewährte Elemente und Zutaten derart geschickt und wirkungsvoll verwoben, dass seine Rechnung voll und ganz aufgeht. STAR WARS wird ein Film für die ganze Familie, der jedem etwas bietet: Abenteuer, Romantik, ein klares Konzept von Gut gegen Böse, ein Hauch von Philosophie und Spiritualität und in jeder einzelnen Szene etwas so Spektakuläres, dass man nie innehielt, um sich auch nur eine Sekunde Gedanken darum zu machen, wie flach Dialoge, Figuren und Handlung sind.

Vor allem - und dieser Aspekt wird heutzutage leider nur noch selten hervorgehoben - ist George Lucas der erste Filmemacher überhaupt, der erkennt, wie wichtig Sound in einem Film ist! STAR WARS wird der erste Film, der ausschließlich in Stereo gedreht wird und gezeigt werden darf. Unzählige Kinos, die den Film zeigen wollen, müssen ihre Anlagen auf Stereo umrüsten, und Lucas holt mit Ben Burtt den vermutlich perfekten Sounddesigner an Bord. STAR WARS ist der erste Film überhaupt, der soviel Wert auf die Soundeffekte legt, dass diese einen gigantischen Anteil am Erfolg des Films haben, da sie das Publikum perfekt ins Geschehen ziehen. Nicht umsonst sind einige der Soundeffekte - das Quietschen der Laserstrahlen, das Rattern der Raumschiffe und das "Swoosh" der Lichtschwerter bis heute fundamentaler Bestandteil des STAR WARS Universums und derart einprägsam, dass man sie augenblicklich wiedererkennt. (Legendäre Anekdote: Als Ewan McGregor 1999 den jungen Obi-Wan spielt, kann er nicht aufhören, während des Drehs die Lichtschwertgeräusche selbst zu machen, so dass seine Geräusche später rausgeschnitten werden müssen.) 

STAR WARS ist ein Film, der das Publikum packen, unterhalten und begeistern soll. Er soll sie mitten im emotionalen Zentrum erwischen. Bei einer Testvorführung soll Lucas' Frau Marcia zu ihm gesagt haben: „Wenn sie nicht applaudieren, wenn Han Solo in letzter Sekunde mit seinem Millenium Falcon zur Rettung eilt, dann war's das. Dann funktioniert er nicht.“ Das Publikum applaudiert und jubelt den ganzen Film hindurch, und als Han tatsächlich in letzter Sekunde wie aus dem Nichts erscheint, stürmt es vor Begeisterung auf die Sitze.

George Lucas hat es geschafft. Er hat all die Heldentaten seiner Kindheit in komrpimierter Form in einen einzigen Film gepresst - und er begeistert das Publikum. 

Der Widerspruch in sich


STAR WARS ist ein paradoxes Phänomen. Er wird aus dem System des New Hollywood heraus geboren, dem System, das als Gegenbewegung zum Studiosystem entstand, als das Studio nur noch reine, emotionale Unterhaltungsfilme produzierte, und man endlich wieder psychologische, tiefe Filme erzählen wollte. Bald wurden diese erfolgreicher, als die aufgeblähten Studio-Leviathane. Doch STAR WARS kehrt all das wieder um. Da George Lucas nicht ins psychologische Wesen des New Hollywood passte, er, der nichts zu erzählen hatte, und den Erfolg eines Filmes am Geld maß, nutzt er die Talente, die er hat. Er plant, als auteuer ganz und gar in Eigenregie, den Erfolg am Reißbrett.
 
Die gesamte Kraft der Effekte zeigt sich im dritten Akt von STAR WARS. Nie zuvor waren Dogfights im Weltraum derart spektakulär ins Kino gebracht worden. Aus heutiger Sicht wirken die Kämpfe zwar ein wenig steif, aber damals hatte es etwas Vergleichbares noch nicht gegeben. © Twentieth Century Fox
Als Scorsese einst, während Marcia noch am Schnitt sitzt, mit Lucas das Ende von NEW YORK, NEW YORK bespricht, meint Lucas nur: „Du verdienst zehn Millionen mehr mit dem Film, wenn die beiden am Ende glücklich in den Horizont reiten.“ Doch Scorsese kann das nicht. Für ihn liegt die Seele seines Films darin, dass seine Helden nicht zueinander finden. Dass sie zerrissen sind. Diese Anekdote gibt Lucas' Wesen und seine Sicht auf das Filmgeschäft perfekt wieder, und er hat all das mit STAR WARS perfekt in die Mechanik des Autorenfilmers gepackt.

Und vor allem: George Lucas triumphiert über die Studios! Fortan, vor allem bei den Fortsetzungen zu STAR WARS, kommen die Studiobosse zu ihm, als Bittsteller, handeln mit ihm Konditionen aus. Und Lucas kennt keine Gnade. Auch wenn die 20th Century Fox aufgrund des gigantischen Erfolgs der STAR WARS Filme immer noch gut daran verdient, gibt Lucas nun ebenfalls nur die Brotkrumen ab, die er einst zugeteilt bekam. Lucas wird der Auteuer des New Hollywood, der sich komplett über dem gesamten Studiosystem positioniert und den einst Mächtigen nun genüsslich die Daumenschrauben anlegt.
Damit erschafft er eine neue Art von System und Machtgefüge in Hollywood, und den Blockbuster. Alles, wofür das New Hollywood einst stand reißen Lucas – und bald Steven Spielberg an seiner Seite – wieder ein. Sie kreieren eine neue Form von massentauglicher, emotionszentrierter Unterhaltung, die den Markt beherrscht, Milliarden einspielt, und das Kino bis heute im Griff hat.

Lucas selbst hat allerdings die Schnauze voll von der harten Arbeit. Für die beiden Fortsetzungen von STAR WARS übergibt er sowohl die Regie als auch das Verfassen des Drehbuchs an andere Hände, fungiert nur noch (als äußerst penibler!) Produzent. Erst für die Prequel-Reihe nimmt er wieder beides auf sich – mit dem Ergebnis, dass alle drei Filme erneut unter allem leiden, was nie Lucas' Stärke gewesen war: erbärmliche Dialoge, minderwertiges Casting, alberne Settings. Außerdem haben die Zeiten sich geändert. War STAR WARS 1977 noch als Renaissance etlicher längst untergeganger Abenteuergenres erfolgreich gewesen, haben Lucas und Spielberg und all ihre Nachahmer diese bis 1999, als DIE DUNKLE BEDROHUNG erscheint, längst wiederbelebt. Plötzlich kann ein STAR WARS Film nicht mehr damit punkten, dass er etwas bietet, das es nicht mehr gibt, sondern er muss sich mit dem messen lassen, was bereits existiert: dem gigantischen Erbe der ersten STAR WARS Trilogie. Am Ende muss Lucas, obwohl die Filme erfolgreich sind, für alle drei enorme Kritik einstecken. Nachtragend wie er ist, lässt er schließlich die Finger von STAR WARS und kommentiert das lapidar: „Einen STAR WARS Film zu drehen macht keinen Spaß. Man reißt sich den Arsch auf, dreht einen guten Film, und wird von allen Seiten dafür fertig gemacht.“

2012 schließlich geschieht etwas Seltsames: Eine Sensationsmeldung macht die Runde: George Lucas, der Kontrollfreak, der zehn Jahre lang um die Kontrolle über seine Filme gekämpft hat, und gerade auf allem, was mit STAR WARS zu tun hatte, hockte wie eine Glucke (angeblich hat er jedes einzelne Merchandising Geschäft persönlich freigegeben!), und dabei das erfolgreichste, beliebteste und bekannteste Franchise der Welt aufgebaut hat – gibt es aus der Hand. Für vier Milliarden Dollar verkauft Lucas sämtliche Rechte an STAR WARS an den Disney Konzern – und löst damit einen Aufschrei des Entsetzens aus.
© Twentieth Century Fox
Es ist verwunderlich – der Mann, der einst auszog, den perfekten Disneyfilm zu drehen, verkauft das Franchise genau an den Konzern, an dessen Leitlinie entlang er es vom ersten Tag an konzipiert hat, und die Fans rasten vor Zorn aus, dass er „ihr“ STAR WARS an einen Konzern für Kinder- und Familienfilme weitergibt. Spott und Häme für Lucas' Entscheidung geistern wochenlang durchs Netz und sind bis heute nicht ganz nachvollziehbar.

Das Erbe einer Marke


Das zeigt vor allem, wie weit STAR WARS sich bereits von seinen Wurzeln entfernt hat. Bis heute ist STAR WARS ein Phänomen, das rational nur schwer zu erklären ist. Die Filme sind, durch die Bank weg, nicht besonders gut, auch wenn einige besser sind als andere. Ihre Struktur ist so simpel, dass es einer Seifenoper die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Alle bisher sechs Teile funktionieren nach denselben Prinzipien (für George Lucas scheint "über einem tödlichen Abgrund hängen" die einzige Form von nennenswerter Gefahr zu sein!). Und doch sind sie ein weltweites Heiligtum.

Woran mag das liegen?
An der Welt, die Lucas erschaffen hat, mit Sicherheit nicht. Sie ist weder sehr komplex, noch besonders ausgefeilt. George Lucas hat nie auch nur eine Sekunde Worldbuilding betrieben. Es gibt keine Währungen, keine Freizeitunterhaltung, keine Maßeinheiten, es gibt im ganzen STAR WARS Universum nichts, das irgendwie auf Alltag deutet. (Vieles davon entwickelt sich später in den zahlreichen Romanen des Expanded Universe) Das STAR WARS Universum besteht nur aus Helden und Schurken, aus Soldaten und Passanten, die entweder ermordet oder geschützt werden müssen, oder als Staffage dienen.

Obwohl STAR WARS das Dasein als Super-Nerd-Fan erst erfunden hat, gibt es bis heute keinen Namen für die Fans. Während andere Fans sich selbst liebevoll als Trekkies, Browncoats, Truebies oder Whovians feiern, gibt es keinen derartigen Ausdruck für STAR WARS Fans, was ein Zeichen dafür ist, wie unterentwickelt die Welt von STAR WARS ist.

Stattdessen bietet STAR WARS etwas anderes: Eine endlose Projektionsfläche. Für die Kinder, die ihn 1977 im Kino gesehen haben, ist er der nahezu perfekte Unterhaltungsfilm, besonders für Jungs, die hier ihrer ganzen Abenteuerfantasie frönen können. STAR WARS hat außerdem den Vorteil, direkt ins Videozeitalter hineinzuwachsen. So können die Kinder ihn sich jahrelang wieder und wieder anschauen. Und vor allem: Nachfolgende Generationen können nachziehen. Nicht nur, weil Lucas seinen Film anhand von Strukturen errichtet, die seit 5000 Jahren erfolgreich sind und mit Zutaten anreichert, die schon in den 1920er Jahren die Kinder begeistert haben (manche Dinge faszinieren einfach immer! Und STAR WARS ist voll davon!) Viele Eltern schauen die Filme mit ihren Kindern, die sich selbstredend ebenfalls in diese bunte, klar strukturierte Abenteuerwelt verlieben. Eine Generation gibt ihre Liebe an die nächste weiter. Erinnert euch das an etwas? Tatsächlich hat die heutige Begeisterung vieler weltweiter STAR WARS Fans sehr viel Ähnlichkeit mit einem anderen Phänomen: Der über Generationen weitergegebenen Liebe zu einem Sportverein.

Vielen Fans ist ihre Liebe zu STAR WARS zu einem emotionalen Ersatzerlebnis geworden. Eine Konstante in ihrem Leben. STAR WARS ist so simpel geschrieben, und folgt so allgemeinen Strukturen, dass man beinahe alles hineininterpretieren kann. (Peter Biskind sieht darin eine Metapher für Lucas' (Skywalker) und Coppolas (Han Solo) Kampf gegen das Studiosystem (das Imperium), ich persönlich ein Märchen mit Ritter, Prinzessin, Zauberer und feuerspeiendem Drachen.) Und so entwickelt jeder Zuschauer auf seine ganz eigene Art eine Faszination für den Film. Und weil diese so 100%ig subjektiv ist, ist sie auch nicht logisch, und damit nicht angreifbar. STAR WARS berührt jeden seiner Fans auf seine eigene Art und Weise, aber immer positiv. Wie es ein Sportverein tut. Man liebt das Gefühl des Vertrauten, des zu Hause Seins. Man kann mit Gleichgesinnten endlos über eine Gemeinsamkeit reden, und selbst ein schlechtes oder mittelmäßiges Ereignis ändert nichts an der Liebe zum Großen Ganzen: zu STAR WARS an sich.
Wie auch bei Chewbacca nimmt man C-3PO und R2-D2 vor allem deshalb als echte Charaktere wahr und ernst, weil der Film es tut und weil die Roboter selbst ihre etwas verschrobene Freundschaft ernst nehmen.
© Twentieth Century Fox
George Lucas hat - mit sehr viel Zielgenauigkeit - das perfekte, emotionale, unangreifbare Kinoerlebnis erschaffen, das heute vor allem aus einem nostalgischen Winkel heraus wirkt. Die nun folgenden neuen Filme werden den Weg aller neuen Beiträge im STAR WARS Universum gehen: Sie werden in den Fans zunächst ein angenehmes, nostalgisches Gefühl des Vertrauten erwecken. (Besonders, wenn der Eröffnungstext ins Bild kommt sind Schauer der Zufriedenheit programmiert.) Dann wird man erkennen, dass die Filme aber neu sind, eben doch nicht Teil des Alten und Vertrauten. Man wird sich an den vielen Reminiszenzen erfreuen, aber von vielem an den Filmen enttäuscht sein und sie teilweise ablehnen. Und irgendwann werden Sie Teil des geliebten Franchises werden.

Denn am Ende – und das ist George Lucas' eigentliche Meisterleistung – ist STAR WARS mehr als eine Handvoll Filme – es ist eine Marke. Und die liebt man oder nicht. Aber wenn man sie liebt, dann bedingungslos und für den Rest seines Lebens.

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