08.02.17

Kinokritik: Jackie (CL, FR, USA 2016) – Die kalkulierte Trauer

„Lass es nicht vergessen werden, dass es einst einen Ort gab, für einen kurzen leuchtenden Moment, der als Camelot bekannt war.“
© Tobis

Biancas Blick:

Als am 22. November 1963 drei Schüsse die Mittagshitze in Dallas, Texas zerreißen, endet nicht nur das Leben des John Fitzgerald Kennedy als amerikanischer Präsident.
Nein, die Schüsse beenden auch die Zeit des „Camelot“. Unter diesem Namen wird die Kennedy-Ära im Weißen Haus nach dem Tode des Präsidenten weltberühmt werden. Und der Name ist nicht zufällig gewählt, auch wenn er einem Musicalsong entstammt, denn im Camelot der Sage um König Artus versammelten sich zahlreiche hohe Gäste, und ganz normale Menschen, um Großes zu leisten.

Vieles von dem, was wir heute über das „Camelot“ der Kennedys wissen, aber auch vieles von dem Andenken, das bis heute unser Bild Kennedys prägt, verdanken wir dem Kampf einer Frau in den turbulenten Tagen nach dem Mordanschlag von Dallas. Einer Frau, deren Leben mit den Schüssen auf den amerikanischen Präsidenten auf einen Schlag ebenfalls vorbei ist: Der Witwe Jackie Kennedy.

Psychogramm statt Biopic


JACKIE behandelt etwa sieben Tage im Leben der Jaqueline „Jackie“ Kennedy.
Als die Nachricht um die Welt geht, dass ein „Biopic“ über Jackie Kennedy in die Kinos kommen soll, sind nicht wenige Leute genervt. Existieren doch über die Ikone Jackie Kennedy, ja über die Kennedys im Allgemeinen, bereits unzählige Bücher, Abhandlungen, Theorien, Filme, Serien, Dokumentationen und Reportagen.

Das wirft die Frage auf, was der neue Film so anders macht, dass er den Kinobesuch überhaupt lohnen würde.
Der Ansatz ist denkbar einfach: Pablo Larraíns Film behandelt vornehmlich und beinahe ausschließlich die drei Tage zwischen dem Anschlag auf John F. Kennedy am 22. November 1963 und seiner Beisetzung auf dem Nationalfriedhof von Arlington am 25. November.

Erzählt werden diese Tage mithilfe einer Rahmenhandlung, in Form eines Interviews, das Jackie Kennedy exakt sieben Tage nach dem Attentat gibt.
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Auch wenn der Reporter im Film namenlos und anonym bleibt, lehnt sich diese Rahmenhandlung an das in der Realität von Theodore H. White mit der Witwe Kennedy geführte Interview für das LIFE Magazine an, das am 6. Dezember 1963 unter dem Titel „For President Kennedy: An Epilogue“ erscheint.

Das ist nicht nur bedeutsam für den Film, sondern auch spannend, denn es entbindet JACKIE von jedweder den üblichen Biopics innewohnenden Objektivität. Alles was im Film gezeigt wird, wird von Jackie erzählt, und es zeigt sich, dass diese Erzählung einer extremen subjektiven Färbung unterliegt. JACKIE zeigt nicht, wie andere Biopics, das, was war. Es zeigt uns das, was Jaqueline Kennedy wollte, dass wir es sehen – und ermöglicht dadurch einen einmaligen Einblick in ihre Psyche während jener vielleicht schwersten Woche ihres Lebens.

Die Bewahrung Camelots


Dabei handelt der Film etliche Fragen ab. Eine davon: Was tut eine Frau, die von heute auf morgen ihren Ehemann verliert, den Ernährer ihrer Kinder, und dadurch vermutlich auch die gute Reputation, die sie selbst ausmacht?

Jackie Kennedy gehen in den Tagen nach dem Tod ihres Mannes Tausende Gedanken durch den Kopf, die der Film wunderbar einfängt in vielen, vielen Großaufnahmen. Denn ihr wird auch schnell bewusst, dass jetzt, wo ihr Mann tot ist, die Geier bereits über dem Weißen Haus kreisen,  da JFK alles andere als ein skandalfreier Präsident war.
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Die Öffentlichkeit, da ist sie sich sicher, wartet nur darauf, das Erbe ihres Mannes, ihrer Familie, in der Luft zu zerreißen. All die schmutzigen Geschichten auszupacken. Die unzähligen Gerüchte wahr werden zu lassen. Seien das seine zahlreichen Affären (etwa mit Marilyn Monroe), seien das seine Kontakte zur Mafia (über Frank Sinatra sollen enorme Geldmengen der Mafia in Kennedys Funding geflossen sein, um der Mafia Freiheiten vor dem Justizministerium zu erkaufen), oder seien es die zahlreichen Partys voller Kokain und „leichter Mädchen“.

All das ist seinerzeit ein offenes Geheimnis, über das jedoch kaum einer zu sprechen wagt, solange der Präsident noch lebt. Die Film-Jackie findet dafür wunderbare Worte im Interview, mit denen sie die Unzulänglichkeiten ihres Mannes noch als Stärke darzustellen versucht: „Immer wieder hat er sich in die Wüste gewagt und sich seinen Versuchungen gestellt. Doch immer ist er zu uns zurückgekehrt.“
Doch dieser Schutz ist jetzt verloren, und „Camelot“ ist der Welt wehrlos ausgeliefert.
Es sei denn, sie selbst macht es sich zur Aufgabe, „Camelot“ zu schützen, und das Andenken an die goldenen Zeiten. Dieser Kampf ist es, der sie beschäftigt.

Daneben stellt sich auch die Frage: Was soll sie selbst nun tun? Auch dieser Gedanke treibt sie um. Sie schildert sich im Film selbst als jemanden, der nun Hab und Gut verliert und mit Nichts dasteht. Das ist natürlich überdramatisiert, mag jedoch sehr gut widerspiegeln, wie sie selbst sich zu jener Zeit sieht. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Jaqueline Bouvier, wie sie ursprünglich heißt, selbst nicht unvermögend ist. Sie ist studierte Journalistin und Lektorin, also gebildet, aus gutem Hause, und es war abzusehen, dass sie wieder Fuß in der Welt fassen würde. Und auch weiterhin gut würde leben können.

Doch diese Überdramatisierung spiegelt auch das Gefühl des Gehetztseins wider, das sie empfindet. Den Drang, sich nun, wo ihr Leben als First Lady vorbei ist, neu zu finden und neu zu erfinden.
Und so bastelt sie in den drei Tagen nach dem Attentat nicht nur am Andenken ihres verstorbenen Mannes, sondern auch an ihrem eigenen. Sie muss entscheiden, wie sie selbst nun aus ihrem Amt scheiden will und beginnt, ein konkretes Bild von sich zu zeichnen, mit einem ebenso konkreten Ziel: die berühmteste Witwe der Welt zu werden.
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Und das tut sie ziemlich clever. Sie weiß, wie sie sich in der prunkvollen Beerdigung ihres Mannes zu positionieren hat, um durchgängig im Mittelpunkt zu stehen. Und dafür scheut sie weder vor diplomatischem Druck zurück, etwa, wenn sie den ausländischen Staatsgästen Vorschriften macht, wie sie sich auf der Beerdigung zu verhalten haben, noch davor, ihre Kinder zu instrumentalisieren.
Alles, was Jackie Kennedy in jenen Tagen nach Dallas tut, verfolgt einen bestimmten Zweck. Alles wird von ihr bewusst entschieden und beschlossen. Die Entscheidung, das blutbesudelte Kleid noch den ganzen Tag lang zu tragen ebenso, wie entgegen aller Warnungen mit ihren Kindern jederzeit die Vorderausgänge zu nehmen, um gut sichtbar die gebrochenen Überreste der Familie Kennedy zu präsentieren.

Die dreigeteilte Frau


Im Grunde präsentiert JACKIE uns drei Seiten derselben Frau.
Zum einen die Witwe, des Präsidenten, die „First Widow“, die als solche Abschied von ihrem Ruhm, dem politischen Leben und „Camelot“ nehmen muss.
Dann die Mutter, die für sich und ihre Kinder ein neues Leben aufbauen muss.
Und schließlich die Frau, die öffentliche Frau, die ihr altes Image nicht halten kann, und ein neues finden und erfinden muss.

Dabei geht der Film außerordentlich clever vor. Denn neben der ersten Rahmenhandlung des Interviews, zieht sich noch eine zweite Rahmenhandlung durch den Film. Diese besteht aus Szenen aus Jackie Kennedys berühmter Führung durch das Weiße Haus.
In beiden diesen Rahmenhandlungen, wird deutlich, dass es für Jackie immer diese unsichtbare Barriere gibt, die die echte Jackie von der Öffentlichkeit trennt. Hier geht es um eine Frau, die durchgängig versucht, gezielte Bilder zu erschaffen, Ikonen und ein öffentliches Bild ihrer Familie.

Während das Interview jedoch dazu dient zu zeigen, wie Jackie das Bild des verklingenden „Camelot“ zu retten und zu schützen (und es dabei letztendlich erst erschafft und zu der Legende macht, die es heute ist), verdeutlicht die Führung durch das Weiße Haus ihren noch etwas plumpen Versuch, mittels der Medien ihr eigenes Bild zu verbessern, und sich selbst als First Lady zu etablieren.
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Als Jackie als eine der jüngsten First Ladys überhaupt ins Weiße Haus zieht, ist sie in vielerlei Hinsicht noch sehr unbedarft. Sie empfindet die Einrichtung des Weißen Hauses als altbacken und verstaubt. Und so macht sie sich in einer ihrer ersten Amtshandlungen daran, die Einrichtung des Weißen Hauses  von Grund auf zu modernisieren und zu verjüngen.
Daran sind allerdings Kosten in Millionenhöhe gekoppelt, und sie muss eine Menge Kritik einstecken, so viel Geld zu „verschwenden“, für etwas, was das Land nicht weiterbringt.

Einladung ins Weiße Haus


Doch Jackie ist clever und weiß, wie sie die Negativpresse nutzen kann: Anfang 1962 (ausgestrahlt wird der Film am Valentinstag) lädt sie ein Kamerateam ins Weiße Haus ein und führt die amerikanische Öffentlichkeit durch ihr neugestaltetes Weiße Haus. Dabei zeigt sie sich auch und vor allem als Hüterin alter Werte und feiner Künste: Sie präsentiert nicht nur ihre eigenen Einflüsse auf das Weiße Haus, sondern auch die der vergangenen Präsidenten. 

Jackies medialer Schachzug erweist sich als voller Erfolg!
Es ist das erste Mal, dass die Öffentlichkeit einen Einblick in das Weiße Haus bekommt, das sonst stets unter Verschluss steht.
Die Dokumentation A TOUR OF THE WHITE HOUSE WITH MRS. JOHN F. KENNEDY findet 80 Millionen Zuschauer, wird in 50 Länder verkauft und mit einem Emmy ausgezeichnet. Sie gilt als die erste Prime-Time Dokumentation, die an ein vornehmliches weibliches Publikum gerichtet ist, und inspiriert etliche Nachahmungen, in denen andere berühmte Frauen wie Sophia Loren oder Elizabeth Taylor in ihr Privatleben einladen. Auch Grace Kelly nimmt sich Jackies Auftritt zum Vorbild, als sie mit A LOOK AT MONACO ein Jahr später ihre amerikanischen Fans in ihre neues Heim in Monaco einlädt.

So klammern beide Rahmenhandlungen die Figur der Jackie geradezu ein: Auf der einen Seite die Geburtsstunde der öffentlichen Frau Jackie Kennedy in ihrer Dokumentation, die ihr Leben auf „Camelot“ einleitet, auf der anderen Seite das Interview am Ende ihrer Karriere als First Lady, am Ende von „Camelot“, und am Endpunkt der öffentlichen Jackie Kennedy, der gleichzeitig die Geburtststunde der Legende „Jackie“ werden wird.

Der Rest des Films erzählt den rapiden, dreitägigen Wechsel zwischen diesen beiden Polen in Jackies Leben. Ihrer Wandlung von der First Lady zur Legende, das Ende des gelebten „Camelots“ hin zur Geburt der Legende „Camelot“. Es sind diese drei Tage, die aus dem Alltag einer Frau eine mediale Ikone formen.
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Auch Jackie ist sich dieser Tatsache bewusst. So sagt sie im Film selbst: „Heute gibt es das Fernsehen.“ Sie weiß, dass die Bilder, die sie in die Welt sendet, von ihrer Führung durch das Weiße Haus bis zur Prozession ihres verstorbenen Mannes, sie und „Camelot“ unsterblich machen werden.

Portman und die Kamera


Es schwingt eine Menge Berechnung in dieser Jackie mit, die der Film uns präsentiert. Das lädt dazu ein, ihr als Zuschauer Sympathien entziehen zu wollen, und doch wirkt es ungemein wahrhaftig. Denn man kann davon ausgehen, dass eben diese Berechnung auch die echte Jackie in jenen Tagen angetrieben hat. Und es ist gleichzeitig ein perfekter Spiegel unserer Zeit.

Wir wissen heute viel besser um die Macht der Bilder. Heute, wo das Fernsehen seine Vormachtstellung verliert gegenüber neuer gewaltiger Bildmedien wie Instagram, Youtube oder Facebook. Kaum ein Promi, ja kaum eine Privatperson, kommt heute noch durchs Leben, ohne eben diese Berechnung, mit der sie Bilder von sich verbreitet und sein Bild in der Welt zu formen, und mit einem kleinen Hauch Unsterblichkeit zu versehen versucht. Wie sollte man es da der Witwe Kennedy vorwerfen?

Filmisch wird das auch dadurch so intensiv, weil die Kamera, bis auf zwei kurze Ausnahmen, geradezu an der Hauptfigur klebt. Noch dazu über weite Strecken in Großaufnahme. Das macht es Natalie Portman, die Jackie Kennedy hier verkörpert, einerseits unmöglich, in großen Gesten zu agieren, andererseits kann sie sich auch nicht verstecken. Immer wieder ist ihre Mimik das einzige, was der Film den Zuschauern bietet, und so muss sie ihre Jackie vor allem durch eben diese, beinahe winzige Mimik erschaffen und spielen.
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Und diese schwierige Aufgabe meistert sie mit Bravour, gerade dann, wenn es darum geht, die in ihr widerstreitenden Gefühle aufzuzeigen. Zwischen Trauer und Trotz, Aufbruchstimmung und Wehmut, Furcht und Entschlossenheit; immer wieder spürt man den Zwiespalt dieser innerlich zerrissenen Frau. Vorwürfe, ihr Spiel sei langweilig oder würde von zur Schau gestellter Trauer dominiert, können wir nicht bestätigen.

Auch gelingt es Portman hervorragend, die verschiedenen Jackies darzustellen. Sieht man ihre Szenen während der Führung durch das Weiße Haus, wirkt ihre Jackie naiv, unterwürfig, feminin, und nicht besonders schlau. Erst dahinter erkennt man die berechnende, schlaue, gebildete Jackie, aber eben auch die entsetzte, die trauernde, die verzweifelnde. Immer wieder wechselt Portman die Nuancen ihrer Jackie wie ein Kostüm, und kleidet sich stets als die First Lady, die es gerade zu betrachten gilt.

Auch das Interview gerät zur doppelten Angelegenheit. Auf der einen Seite erleben wir eine Jackie, die das Interview beinahe als Beichte nutzt. Die sich alles von der Seele redet, selbst die Punkte, die sie oder ihre Familie in einem schlechten Licht dastehen lassen. Doch immer wieder macht sie auch klar, dass das nicht das Interview sein wird, das am Ende in der Zeitung steht.
Im Film ist es schließlich Jackie selbst, die das Interview redigiert, die dem Journalisten die Worte in seinen Notizblock schreibt und verändert, so, wie sie sie gedruckt wissen will.

Im wirklichen Interview wurde Theodore H. White zu Jackies Komplizen bei der Arbeit, die Legende „Camelot“ in die Welt zu entlassen.

Die ungesehenen Bilder


Was wissen wir heute über JFK? Welche Bilder kommen uns in den Kopf, wenn wir an diesen großen Namen denken? Natürlich gibt es da seinen Besuch in Berlin mit den hierzulande berühmten Worten „Ich bin ein Berliner“. Doch sonst?
Den meisten Menschen, die sich nie wirklich tiefgreifend mit Kennedy auseinandergesetzt haben, werden vor allem Bilder des Attentats – und der Beerdigung – im Kopf haben. Allen voran das Bild des kleinen John Jr., der der Pferdekutsche salutiert, die den Sarg seines Vaters davonträgt, aber auch das Bild der dunkel verschleierten Jackie, die hinter dem Sarg hergeht.

JACKIE geht einen interessanten Weg, indem es einige dieser Bilder zeigt, bei anderen lediglich den Weg dorthin erklärt. Dennoch ist man immer mittendrin in jener Zeit, in den Bildern, die einem so vertraut wirken.
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Dazu gehört auch jene selten ausgesprochene Frage, jenes Rätsel, das man viel zu häufig übersieht.
In einer der intensivsten Szenen des Films erlebt man das Attentat von Dallas aus Jackies Perspektive. Heute kennen wir das Attentat beinahe ausschließlich aus der Perspektive von Abraham Zapruder, der auf seinem berühmten Zapruder-Film den Wagen des Präsidenten während des Attentats filmt. Dabei fällt auf (oder auch nicht), dass Jackie direkt nach dem tödlichen Schuss in den Schädel des Präsidenten nach hinten auf das Heck klettert und dort irgendetwas tut. Kaum jemand macht sich Gedanken darum, weshalb sie das tut. Will sie ihren Mann schützen? Will sie fliehen? Ruft sie um Hilfe? Will sie ihrem Bodyguard Clint Hill helfen, auf den Wagen zu klettern?


Spätestens JACKIE ruft uns klar ins Bewusstsein, was sie dort tut: In einer Reaktion, die wohl nicht zu erklären ist, wenn man nicht in derselben Situation steckt, klettert Jackie aufs Heck, um Gehirnreste ihres Mannes aufzusammeln, die sich über den Kofferraum der Limousine verteilt haben, im verzweifelten Versuch, Ihren Mann trotz der tödlichen Verletzung irgendwie zusammenzuhalten. Es ist eine irrationale Reaktion, und doch, vielleicht, in jenem Augenblick, eine, die einer gewissen Logik folgt.

Zu Beginn des Films schildert Jackie das Attentat lediglich mit ihren eigenen Worten. Die Schilderung, vor allem im Verbund mit den späteren, deutlichen Bildern der Szene, gehören zu den eindringlichsten Momenten des Films, und zu einem der stärksten Momente in Portmans Spiel, denn sie zeigen, mit welcher Verzweiflung Jackie Kennedy versucht, etwas zusammenzuhalten, das längst verloren ist.

Was von uns bleibt


Biopics sind immer eine schwierige Sache, vor allem dann, wenn es um derartig ikonisierte Figuren geht wie Jackie Kennedy. Einer Frau, die in einem Atemzug genannt wird mit Audrey Hepburn, Grace Kelly, Marilyn Monroe. Die eine Stilikone ist – was der Film ebenfalls schön aufführt. Denn am Ende wird deutlich, dass genau das Jackies Vermächtnis ist. Während sie aus „Camelot“ auszieht ,sieht sie, wie einige Schaufensterpuppen mit den Kostümen aufgestellt werden, die sie stets trug. Es wird deutlich, dass es Jackie gelungen ist, unsterblich zu werden. Nicht als eine Kennedy, nicht als die First Lady, nicht als eine Politikerin, sondern als Vorbild für Millionen von Frauen. Bis heute ist Jackie Kennedy viel weniger eine Person, und viel mehr eine Idee, eine Ikone.

Wie aber soll man solche Ikonen sinnvoll in einem Biopic darstellen? Es gibt kaum ein Biopic, das ein derartiges Leben sinnvoll und in seiner Gänze darzustellen vermag. Gelungen ist das etwa mit CHAPLIN, der nahezu das gesamte Leben des großen Charlie Chaplin in einem Spielfilm nachzeichnet. Auch LA VIE EN ROSE schafft es gut, die lange, wechselhafte Karriere der Sängerin Édith Piaf in Spielfilmlänge aufzubereiten.
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Dennoch erweisen sich viele  Biopics mit dem Leben derartiger Größen überfordert oder überfrachtet. Deutlich besser sind die Beispiele, die nicht das gesamte Leben abzubilden versuchen, sondern die versuchen, das Wesen einer Ikone schlaglichtartig innerhalb eines kurzen Zeitrahmens  aufzuzeigen. So ist etwa MY WEEK WITH MARYLIN ein hervorragendes Biopic, auch wenn es Marilyn Monroe nur eine Woche lang begleitet, und nicht einmal aus ihrer Perspektive. Dennoch erfahren wir alles Bedeutende über Marilyn, und blicken in die Psyche einer kranken Frau, die nur eines sucht und es einfach nicht findet, nämlich Liebe.

Einen ähnlichen Weg geht nun JACKIE, der anhand eines kurzen aber äußerst bedeutsamen Zeitraums im Leben der Jaqueline Bouvier ihr ganzes Wesen darzustellen vermag, und der daneben noch Zeit findet, politische und mediale Randthemen zu streifen und dadurch ihren Charakter nur noch tiefer zu zeichnen.

Dabei profitiert der Film natürlich von seiner Hauptfigur. Denn Jackie Kennedy braucht keine Einführung, keine Exposition. Wir alle wissen, wer Jackie Kennedy war, und vor allem die Amerikaner bekommen ihren Lebenslauf, ihre Höhepunkte, und ihre  Funktion in „Camelot“ schon von der Schule an mit auf den Weg. Sie saugen all die ikonisierten Bilder mit der Muttermilch auf. Jackie Kennnedy ist, ähnlich wie später Lady Diana, bereits zu Lebzeiten eine Legende, eine Art amerikanisches Eigentum. und diese Legendenschreibung wächst nach dem Tod ihres ersten Mannes, auch dank ihrer im Film dargestellten Bemühungen, ins Unermessliche. 

Und sie prägt das Weiße Haus bis in unsere Gegenwart. Heute gehört es beinahe zu den Grundaufgaben eines neuen Präsidenten, das Weiße Haus einzurichten und die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen. Dazu gehört auch, sich mit Stars und Sternchen zu umgeben, im Weißen Haus zu Konzerten und Tanzveranstaltungen zu laden.
Barack Obama und seine Frau Michelle lassen während ihrer Amtszeit einen Hauch des alten „Camelot“-Glanzes wieder auferstehen. Sie setzen sich und das Weiße Haus für die Öffentlichkeit so geschickt und glamourös, immer mit Stars und berühmten Namen gefüllt in Szene, wie kaum ein anderer Präsident seit den Kennedys.
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Die Kennedys wussten bereits 1962, wie sie sich mit der Presse gut stellen konnten. Sie luden sie ins Weiße Haus ein und präsentierten sich nach außen hin optimal. Vielleicht auch deshalb verlor die Presse in den letzten fünfzig Jahren, und auch während der Obama-Regierung, ihre Aufgabe aus den Augen, das Präsidentenpaar kritisch zu betrachten. Vielleicht wurde sie, und auch die amerikanische Öffentlichkeit, zu sehr vom Glanz „Camelots“ geblendet. Erst mit der Wahl Donald Trumps, dessen Ära nicht direkt verspricht, viel „Camelot“ zu verströmen, erwacht auch wieder das Misstrauen gegenüber der Herrschenden im Weißen Haus. Die Zukunft wird es zeigen.

Und doch sind all das, der Glanz, der Pomp, die Stars und populären Riten, Dinge, die  auch und vor allem durch die Kennedys ins Weiße Haus kamen. (Das populäre White House Correspondent's Dinner etwa findet zwar seit 1920 jährlich statt, ist aber bis 1962 nur für Männer zugänglich. John F. Kennedy weigert sich, an dem Termin teilzunehmen, wenn nicht auch Frauen zugelassen werden.)
Hier muss der Film also keine Eigenarbeit leisten. Jeder Amerikaner weiß um die Kennedys und ihren Einfluss auf „Camelot“. Das gibt dem Film mehr Raum, um hinter dieses Wissen zu schauen, hinter die Ikone, vielleicht sogar ein wenig hinter den Menschen.

Dadurch können Regisseur Larraín und Autor Noah Oppenheim beinahe chirurgisch, mit kurzen Schlaglichtern, mit Ellipsen und vielen Sprüngen ein messerscharfes Psychogramm erstellen. Das ist weit mehr als ein gewöhnliches Biopic.

Ursprünglich landet das Script übrigens schon 2010 auf dem Tisch von Darren Aronowsky, der den Stoff mit seiner Frau Rachel Weisz in der Titelrolle verfilmen will. Doch finden sich lange keine Geldgeber und aufgrund anderer Verpflichtungen wird das Projekt wieder fallengelassen.

Wie sehr Jackie Kennedy die Presse im Griff hatte, zeigt sich übrigens auch daran, dass eines ihrer größten Geheimnisse kaum noch nachzuvollziehen ist. Jackie war – und der Film zeigt das – Kettenraucherin mit bis zu drei geleerten Schachteln pro Tag. Jedoch verbot sie Pressefotografen immer wieder, sie mit Zigarette abzulichten (woran man sich seinerzeit noch hielt), und Texte, die ihre Sucht erwähnten, ließ sie redigieren. Nachdem sie den Reeder Aristoteles Onassis heiratete, wurde sie etwas offener damit, auch öffentlich beim Rauchen gesehen zu werden.

Man vermutet dennoch, dass es auch diese Sucht ist, der sie 1994 zum Opfer fällt, als sie, 64-jährig, einem Non-Hodgkin-Lymphom zum Opfer fällt.

Fazit


JACKIE ist ein Kunstwerk geworden. Viel weniger Biopic, sondern deutlich mehr ein intensives Psychogramm. Hier geht es nicht so sehr um das biografische Abreißen einer berühmten Persönlichkeit. Es geht um den Blick in den Abgrund. JACKIE bietet einen tiefgehenden Blick in das Attentat, das Amerika traumatisierte, es bietet den Blick in eine Frau, die im Augenblick höchster Not einen Kampf an etlichen Fronten führte, die sich selbst ebenso zu retten versuchte wie ihren Ruf, den ihrer Familie, und ihre Zukunft. Die das mediale Selbstverständnis der First Lady für immer veränderte, die in sieben Tagen (welch spannende Allegorie!) einen Mythos erschuf, der bis heute Bestand hat, der bis heute prägt.
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Die verschiedenen Handlungsebenen sind dabei kunstvoll miteinander verwoben, die Dialoge sind rar und zeichnen doch scharfe Konturen. Die Kamera, sowie der Schnitt sind brillant. Und das grandiose Script, schaut man sich die Nominierungen und Preise an, die der Film einheimst, deutlich unterschätzt.

Nahezu alles, was von der Kennedy-Ära heute noch besteht, wurde in diesen wenigen Tagen geformt; nicht von den politischen Entscheidungen ihres Mannes, sondern von den Entscheidungen und Kämpfen, die Jackie nach seinem Tod beschäftigten. Die Ebenen und Schichten, auf denen der Film dabei wirkt, sind kaum aufzuzählen.
Gekrönt wird das von Natalie Portmans herausragendem Spiel. Völlig eingenommen von der Leinwand, beinahe nur in Großaufnahmen, und beinahe durchgehend im Bild, gelingt es ihr, mit feinsten Nuancen und winzigsten Mimiken, die emotionale Tiefe und Breite der Situation immer wieder einzufangen.

JACKIE ist kein Film für Jedermann, aber er ist ein Film, der jede Sekunde wert ist. Kunstvolles Kino, das berührt, das zum Nachdenken anregt, neue Sichtweisen altbekannter, wie gesagt, ikonischer Momente bietet, und der selbst Jackie-Kennern noch einiges an Ehrfurcht abringt.

Natalie Portman fasst die Figur der Jackie gut zusammen:

„Ich denke, sie hat ein Image von sich geschaffen, das viel mit der Optik zu tun hatte. Das war fast wie eine Rüstung, damit die Leute nicht sehen konnten, wer sie wirklich war. Vielleicht wollte sie nicht, dass die Leute das wissen. Ich finde, es ist schwer, sich darüber zu definieren, was der Ehepartner macht. Ich denke, Jackie Kennedy war eine der ersten Frauen, die ihre eigenen Pläne hatte, und sich auch über ihr eigenes Handeln und ihre eigene Mission definiert hat. Seither haben wir einige andere First Ladys gesehen, die sich ganz besonderen Anliegen gewidmet haben.“
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Kommentare:

  1. Ich bin sehr gespannt auf diesen Film und jetzt - nach dieser wunderbar aussagekräftigen Rezension - umso mehr.

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    1. Vielen Dank. Der Film spaltet sein Publikum, was wir ja immer als gutes Zeichen für einen Film werten. Wir mochten JACKIE und haben uns intensiv mit dem Film, seiner Thematik und Umsetzung auseindergesetzt. Dann wünschen wir dir einen interessanten und erfüllenden Kinobesuch! :-)

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