24.04.17

Porträt: Barbra Streisand – Kampf um künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit

„Beim Film, wo alle Macht in den Händen von Männern liegt, werden teuflische Machtkämpfe ausgetragen. Wenn eine Frau den Dreh unterbricht, um sich die Nase zu pudern, dann ist man ungeduldig und rollt mit den Augen. Wenn ein männlicher Schauspieler die Dreharbeiten unterbricht, um sich die Haare zu kämmen, dann ist das in Ordnung. Ich spüre diese unterschiedliche Betrachtungsweise andauernd. Ich hatte Ideen, und ich habe sie ausgedrückt, aber weil ich eine Frau war, wurde ich missachtet. Es gibt dieses Vorurteil gegenüber Schauspielerinnen. Sie sollen hübsch aussehen und ihren Text aufsagen, dann ihren Mund halten und nach Hause gehen.
Quelle: Blu Ray Is' was, Doc? © Warner Home Video

Biancas Blick:

Barbra Streisand ist ein Name, den man ernst nehmen muss. Zwei Oscars, acht Golden Globes (sie erhält als erste und bisher einzige(!) Frau den Golden Globe für die Beste Regie), drei Emmys, zwei Tony-Award-Nominierungen und sechs Grammys sprechen eine deutliche Sprache und zeugen von den Fußabdrücken, die Streisand seit  fünf Jahrzehnten in Musik, Kino, Theater und Fernsehen hinterlässt.
Streisands Kinokarriere beschränkt sich dabei allerdings nicht nur auf die Schauspielerei. Sie ist Regisseurin, Produzentin, Drehbuchautorin und steuert etliche höchst erfolgreiche Titelsongs ihrer Filme bei. Sie inszeniert persönlich ihre Broadway- und Bühnenauftritte und tritt in selbstdesignten Kostümen auf. Wie kaum eine andere Künstlerin ist sie in jedem filmischen Department vertreten.

Doch Streisands Vielseitigkeit bringt ihr nicht nur Respekt ein. Ihr Erfolg zeugt von einem starken Willen, der sie in vielen Büros Hollywoods gefürchtet werden lässt. Unzählige Fans lieben sie, doch immer finden sich auch Spötter, die ihr, auch das reiht sich in den Reigen ein, vier Razzie-Award-Nominierungen einbringen.

Barbra Streisand bleibt ihre ganze Karriere über immer sie selbst – und das mit Haut und Haaren. Sie geht keine Kompromisse ein, wagt sich an Projekte, die ihr am Herzen liegen, realisiert sie genau so, wie sie ihr vorschweben, ohne sich innerlich oder gar äußerlich zu verbiegen. Je mehr Einfluss sie gewinnt, desto konsequenter wird sie von der Kritik zerrissen. Am Höhepunkt ihrer Karriere fordert sie etwas ein, das für viele männliche Kollegen längst eine Selbstverständlichkeit ist: die totale Kontrolle über ihre Filme. Doch so viel Macht, in dieser Konsequenz, billigt ihr Hollywood nicht zu. Und ihre Kompromisslosigkeit bringt sie zu Fall. Zum Lohn dafür, dass sie für ihre Kunst und Vision alles gibt, wird sie von den Kritikern ignoriert, belächelt oder demontiert.
Und doch ist und bleibt sie – die Streisand!

Der erste Funke


Barbra Streisand entstammt einer jüdischen Familie und wird am 24. April 1942 in Brooklyn geboren. Ihr Vater stirbt mit 35 Jahren, als Barbra gerade 15 Monate alt ist.
Diana, Streisands Mutter, versucht ihren Kindern mittels Essen all ihre Liebe angedeihen zu lassen. Sie läuft ihnen mit dem gehäuften Teller hinterher, wenn diese dem Essen zu entkommen versuchen.
Sechs Jahre später heiratet Diana Streisand, die mit ihrem Sopran gern eine Musikkarriere gestartet hätte, aber letztlich als Schulsekretärin arbeitet, erneut.
Quelle: Blu Ray Funny Girl © Sony Pictures Home Entertainment
Barbra Streisand hat insgesamt zwei Geschwister: ihren Bruder Sheldon, der acht Jahre älter ist und ihre neun Jahre jüngere Halbschwester Roslyn, die ebenfalls Sängerin und Songwriterin wird und heute noch mit ihrer Schwester auf der Bühne steht. Roslyn wird ein paar Jahre später den Barbra-Streisand-Fanclub an ihrer Schule gründen und in einem handgeschriebenen Buch über ihre berühmte Schwester notieren: „Als die Eltern sie in der Wiege liebevoll anschauten, wussten sie noch nicht, dass der Name ihres kleinen Mädchens eines Tages in Leuchtschrift erscheinen würde.“

Streisand hat zunächst den Wunsch, Dirigentin zu werden und ein großes Orchester zu leiten, aber auch den Katholizismus mit all seinen Nonnen und Priestern findet sie spannend und fühlt sich dorthin gezogen.
Große Träume zeichnen also schon Streisands Kindheit aus.
Und zumindest einer davon, ein gesamtes Orchester zu dirigieren, wird zwanzig Jahre später – in etwas abgewandelter Form – Wirklichkeit werden.

Streisand ist dreizehn, als sie auf Anraten ihrer Mutter, ihrer schärfsten Kritikerin, erste Bänder aufnimmt. Schon mit neun Jahren organisiert Diana ihrer Tochter ein Vorsingen bei einer Plattenfirma, das jedoch unerfolgreich verläuft. Doch die Bandaufnahme vier Jahre später ist das erste Mal, dass die junge Streisand sich als Künstlerin fühlt. Ein Augenblick, der ihr „einen ersten Moment der Inspiration“ schenkt.
Der Funke ist übergesprungen.

Das Mädchen mit der guten Stimme


In der Schule fällt Streisand durch Zwischenrufe und freches Verhalten auf, ist aber erfolgreich. Gleichzeitig beginnt sie vermehrt Fernsehen zu schauen (was Mitte der 50er Jahre noch ein Happening darstellt) und ins Kino zu gehen. Ihre Mutter ermahnt sie insbesondere wegen des Fernsehkonsums, sie würde „dadurch beginnen zu schielen“. Dass Streisands leichter Silberblick jedoch vom hohen Fernsehkonsum herrührt, wagen wir zu bezweifeln.
Der Wunsch, sich zu befreien und sich in der Kunst zu verwirklichen, nimmt immer konkretere Züge an. Sie weiß, wenn sie berühmt werden will muss sie „raus ... raus aus Brooklyn“. Besonders der enge Raum in der kleinen Wohnung, in der die fünfköpfige Familie wohnt, macht ihr zu schaffen. Bis zu ihrem Auszug muss sie ihr Zimmer mit ihrer Schwester teilen, es gibt kaum ein privates Entrinnen.
Quelle: DVD Die Eule und das Kätzchen © Sony Pictures Home Entertainment
In der Nachbarschaft ist Streisand bekannt als „das Mädchen mit der guten Stimme“. Sie ahnt, dass ihre Stimme ihr Ticket raus aus Brooklyn sein könnte und übt und übt und übt – sehr zur Freude der Nachbarschaft, die dieses Talent sehr zu schätzen weiß. Sie singt auf Hochzeiten und Geburtstagen und weitet ihre Bekanntheit in Brooklyn aus.

Nachdem Streisand erkannt hat wie außergewöhnlich ihre Stimme ist, ist ihr nächster Plan, eine gute Schauspielerin zu werden. Nachdem sie „Anne Frank“ mit Susan Strasberg in der Titelrolle am Broadway gesehen hat, ist sie sogar überzeugt davon, besser als Strasberg zu sein, und sie an die Wand spielen zu können. Geringes Selbstbewusstsein kann man Streisand wirklich nicht vorwerfen. Oft steht sie in jener Zeit vor dem Spiegel und ist fest davon überzeugt, ein Star zu werden. „Ich werd's ihnen zeigen. Ich werd's ihnen zeigen“, lauten die selbstaufmunternden Worte des Mädchens. Später erzählt sie: „Ich erinnere mich, dass ich vor langer Zeit, als ich noch ein Kind war, etwas Besonderes sein wollte. Ich musste etwas Großartiges vollbringen. Ich konnte nicht mittelmäßig sein. Mein Mund war zu groß.“
Von nun an vergräbt sich Streisand in Biografien über berühmte Schauspielerinnen wie Sarah Bernhardt oder Eleanore Duse und verschlingt die Stücke von Shakespeare, Ibsen und Tschechov.
Nichts, was Streisand sich in den Kopf setzt, überlässt sie noch dem Zufall. Vorbereitung und Disziplin sind zwei der Attribute, die sie zu einem Weltstar machen werden.

Mit eiserner Disziplin auf die Bretter, die die Welt bedeuten


1955 wird Streisand Ehrenstudentin ihrer Highschool in den Fächern Geschichte, Englisch und Spanisch. Sie singt im Schulchor – gemeinsam mit Neil Diamond, der später sagt: „Wir waren zwei arme Kinder aus Brooklyn. Wir lungerten gemeinsam vor der Erasmus High herum und rauchten Zigaretten.“
Zwei Jahre später hat Streisand ihren ersten Bühnenauftritt, eine kleine Rolle an einem New Yorker Theater.
Quelle: Blu Ray Is' was, Doc? © Warner Home Video
Als sie an ihre Highschool zurückkehrt, beschließt sie, weder am Schauspielkurs der Schule, noch am Schultheater mitzuwirken. Beides ist ihr zu klein. Sie will nur noch eines: große und wahre Theatererfahrungen; keinen Schulkram mehr, sondern reale, wirkliche Inspirationen, und so engagiert sie sich weiterhin an einem Theater in Greenvich Village – auch hinter den Kulissen.

Ihre Mutter rät Streisand nach dem Highschoolabschluss von einer Schauspielkarriere ab. Sie hält ihre Tochter für zu hässlich und wird nicht müde, ihr das immer wieder vorzuhalten: „Filmstars sind hübsch. Such dir lieber ein anderes berufliches Ziel.“ Dennoch (oder vielleicht gerade deswegen) versucht Streisand weitere Rollen an den New Yorker Bühnen zu ergattern und klappert alle gängigen Casting-Agenturen New Yorks ab. Ihrer Mutter zu beweisen, wie Unrecht sie hat, wird eines ihrer Lebensziele werden.

Doch schmerzhaft muss sie erkennen, dass ihr zum Starruhm die körperlichen Merkmale einer reifen und schönen Frau fehlen. Es bedeutet Mühen und Rückschläge, genügend Engagements zu bekommen, um ihre Miete bezahlen zu können.
Ja, Streisand ist apart – aber „nicht schön genug“, so das Feedback der Besetzer. Es geht ihr finanziell manchmal so schlecht, dass sie bei Freunden auf der Couch schlafen muss oder nach Hause zurückkehrt – und sei es nur für eine warme Mahlzeit. „Meine Sehnsüchte wurden dadurch gestärkt, dass ich meiner Mutter beweisen wollte, dass ich ein Star werden konnte.“ Nach einer weiteren, äußerst herablassenden Absage eines Besetzers schreit Streisand: „Das wird euch leid tun. Sie werden mich noch darum bitten zurückzukommen. Ich werde mich Ihnen nicht aufdrängen, ich werde nicht an Ihre Tür klopfen und Sie anbetteln, damit Sie mich einstellen. Das ist dann Ihr Problem. Ficken Sie sich ins Knie!“
Später fügt sie resümierend hinzu: „Ich war nicht gerade der naive Typ, nach dem diese Agenturfritzen suchten. Ich hätte mein Aussehen verändern, meine Nase richten lassen können, doch das wollte ich nicht. Das wäre nicht aufrichtig gewesen, oder?“

Als 1960, während eines kleinen Theaterengagements, ein Regisseur Sängerinnen für sein Stück sucht, bewirbt sich Streisand erstmals als Sängerin für einen professionellen Job. Zwar wird daraus nichts, doch sie erhält den Rat, sich ein Repertoire aufzubauen, falls sie sich weiterhin als Sängerin bewerben möchte. Dankbar nimmt sie den Vorschlag an und arbeitet an einem professionellem Demoband, das sie mit einem Gitarristen aufnimmt. Ihr Mentor Barry Dennen erinnert sich: „Wir haben den Nachmittag im Studio verbracht, und als ich die erste Aufnahme hörte, bin ich ausgeflippt … diese durchgeknallte Irre hatte eine der atemberaubendsten Stimmen, die ich je gehört hatte. Als sie fertig war, und ich die Geräte ausschaltete, hab ich eine ganze Weile gebraucht, bevor ich es gewagt habe, zu ihr hochzuschauen.“

A Star is Born


Von nun an klettert Streisand die musikalische Karriereleiter Sprosse für Sprosse empor. Sie singt in renommierten Nachtclubs und ergattert größere und bessere Rollen in Musicals am Broadway.
Bei ihren Solo-Auftritten beginnt sie, mit dem Publikum zu sprechen und gibt ihren Konzerten somit eine persönliche und einzigartige Note. Seinerzeit ein echtes Novum. Ihre Stimme wird bereits zu diesem frühen Karrierezeitpunkt mit der von Judy Garland, Lena Horne und Fanny Brice verglichen. Ihre Professionalität und der Humor in ihren Ansprachen werden auch von bekannten Theaterkritikern wahrgenommen. So schreibt Leonhard Harris: „Heute ist sie zwanzig; bis sie dreißig ist, wird sie die Geschichtsbücher umgeschrieben haben.“
Quelle: DVD On a clear day you can see forever © Paramount Home Entertainment (Bisher keine deutsche Heimauswrtung)
Wie recht er haben wird! Und Streisand beweist bereits zu diesem frühem Zeitpunkt, dass sie ihrer Zeit weit voraus ist, denn sie löst sich von den starren Dogmen der Konzertbetreiber und kreiert sich und ihre Songs selbst.

Martin Ehrlichman, ihr damaliger Manager, verspricht, ihr auch im Bereich der Schauspielerei zu helfen und sie dahingehend zu fördern – denn das ist es, was Streisand von nun an will – ein großer und berühmter Filmstar werden!
So erhält sie nach vielen (auch unerfolgreichen) Vorsprechen vermehrt Rollen in Broadwaystücken und erweitert sukzessive ihren Bekanntheitsgrad. Die Kritiker sind entzückt: „Ihr Auftritt hat die ganze Show lahmgelegt, und sie wurde zum aufregendsten und jüngsten neuen Star am Broadway.“ Und ihr Bühnenkollege Groucho Marx räumt ein, „dass 20 Jahre ein sehr junges Alter sind, um solchen Erfolg am Broadway zu haben.“
Im selben Jahr erhält Streisand zudem eine Tony-Award-Nominierung als Beste Weibliche Darstellerin in einer Nebenrolle. Und es ist das erste Mal, dass ihre Bekanntheit ihrem Albumverkauf förderlich ist. Die Verkaufszahlen steigen rapide und Streisand ist auf dem besten Wege, sowohl als Schauspielerin wie auch als Sängerin eine außergewöhnliche Karriere zu starten.

Das „Barbra Streisand Album“ wird 1963, Streisand ist 21 Jahre alt, das erfolgreichste Album einer Sängerin und erhält drei Grammy Award Nominierungen. „The Second Barbra Streisand Album“ toppt den Erfolg noch. Fortan ist sie „der aufregendste Newcomer seit Elvis Presley“.

Funny Girl


1964 kehrt Streisand als Schauspielerin an den Broadway zurück. Hinter ihr liegen Auftritte mit Topstars wie Liberace, Groucho Marx, Elliot Goult und vielen weiteren Sängern und Entertainern.
Im Winter Garden Theatre spielt sie die Fanny Brice in dem Stück „Funny Girl“, in dem sie auch zwei Lieder singt. Ihre erste Hauptrolle!
Und sie muss erkennen, dass die Schauspielerei doch anspruchsvoller und arbeitsintensiver ist, als gedacht. Da sie über keinerlei Ausbildung in diesem Bereich verfügt, und somit auf keine Technik zurückgreifen kann, muss sie sich jede Szene mühevoll erarbeiten, kann nicht „schummeln“ oder „so tun als ob“. Sie übt und übt und übt; allein, mit Kollegen und dem Regisseur – und erntet oftmals harsche Kritik während der Probenzeit.
Alan Miller fasst Streisands Mühen der Vorbereitungen treffend zusammen: „Viele Leute wollen den Mythos weiterleben lassen, dass Barbra ein strahlendes, blühendes Wesen war, das gleichsam aus dem Nichts aufgetaucht ist. Auf ihren Gesang bezogen, war das richtig. Aber es traf nicht auf ihre Schauspielkunst zu. Und einer Menge junger Leute, die sie dermaßen bewunderten, hätte es geholfen zu wissen, dass sie irre geschuftet hat, jeden Tag, jeden Abend, über dreizehn Wochen lang, um diesen Auftritt in 'Funny Girl' hinzubekommen.“

Dennoch sind die Voraufführungen ein Desaster. Weder die Kritiker noch die Produzenten glauben an einen Broadwayerfolg des Stücks, und geben Streisand die Schuld an der bevorstehenden Blamage.
Bis zur Premiere wird „Funny Girl“ 42 Mal(!) umgeschrieben, neu arrangiert und umfunktioniert. Der Text schrumpft, es tauchen weitere Lieder auf und das Stück erlebt eine unglaubliche Metamorphose. Am Ende gibt es fast nur noch Fanny Brice auf der Bühne – und Streisand wächst in ihre Rolle, atmet sie, lebt sie.
Quelle: DVD Hello Dolly © zweitausendeins
„Diese Show ist mein Schicksal. Das Stück handelt eigentlich von mir. Nur ist all das zufällig zuerst Fanny Brice passiert. Es ist unglaublich, wie sehr ich diesem Menschen ähnele. Wir sind beide in Brooklyn groß geworden und hatten diese typischen Mütter, die sich um unsere Ernährung und Gesundheit Sorgen machten und versuchten, uns unter die Haube zu bekommen. Unsere Arbeitsweise ist die gleiche. Ich suche meine Musik, meine Kleider und alles andere selbst aus. Die Leute machen mir Vorschläge. Aber ich kann auf niemanden hören. Ich muss es einfach alleine machen. Und so steht es hier im Stück. Es ist unglaublich, fast unheimlich.“

Trotz aller Unkenrufe wird „Funny Girl“ ein großer Erfolg und Streisand avanciert zu einer Broadwaysensation! Dank der Änderung zu ihren Gunsten (und zu Ungunsten ihrer Kollegen, deren Rollen immer kleiner geschrieben werden) kann das Musical bestehen.
Das Stück ist so erfolgreich, dass Streisand auf dem Titel des LIFE Magazines erscheint. Außerdem erhält sie erneut eine Tony Award Nominierung, diesmal als Beste Weibliche Hauptdarstellerin, zieht aber wieder den Kürzeren. 1970 jedoch wird sie mit dem Ehren-Tony ausgezeichnet, als „Star des Jahrzehnts“!

Nachdem Streisand in den folgenden Jahren mit „Funny Girl“ herumgetourt ist, unter anderem in London, und in vier Fernsehstücken aufgetreten ist, macht sich Regielegende William Wyler 1967 daran, FUNNY GIRL für die Leinwand zu adaptieren. Streisand erhält aufgrund ihrer bestechenden Leistung auf der Theaterbühne auch hier die Rolle der Fanny Brice, und erntet dafür 1968 den Oscar als Beste Hauptdarstellerin!
Sie ist oben angekommen – als Sängerin und Filmstar.

Später sagt sie: „Eines steht mal fest: Wenn ich heute auf FUNNY GIRL zurückblicke, war ich einfach umwerfend. Ich war viel zu schön, um Fanny Brice zu spielen.“
Wie enorm Streisands Einfluss auf ein Projekt schon in dieser frühen Phase ihrer Karriere ist, zeigt sich 1969 in einem Brief des Regisseurs, in dem es heißt: „Als dein Co-Regisseur in FUNNY GIRL habe ich mich so daran gewöhnt, mich auf deine Vorschläge zu verlassen, dass ich mich nun ziemlich alleine fühle, wo ich alles selber machen muss. Herzlichen Glückwunsch. Der Titel 'Entertainer des Jahres' [den Streisand vom Friars Club verliehen bekommt] ist eine Auszeichnung, die du verdient hast, und außerdem solltest du meiner Meinung nach auch zur 'Regisseurin des Jahres' ernannt werden.“
Ob die Zeilen ernst gemeint, oder womöglich eine Spur Ironie und Bitterkeit enthalten, ist heute nicht mehr festzustellen.
Tatsache ist aber wohl, dass FUNNY GIRL als erster Film betitelt werden kann, in dem Streisand eine übergeordnete, kreative Rolle einnimmt, wenngleich sie offiziell nur als Schauspielerin aufgeführt wird.

Mehr, mehr, mehr Einfluss!


Streisand ist Mitte Zwanzig und verdient als Sängerin und Entertainerin bereits bis zu 125.000 Dollar pro Woche. Sie ist einer der größten Stars auf den Showbühnen von Las Vegas, immer gern gebucht für Revuen, Hoteleröffnungen und Galas. Sie ist nicht mehr Liberaces Protege, sondern selbst ein Headliner – der Name, der das Publikum in Scharen in die Hallen zieht.
Quelle: Blu Ray Is' was, Doc? © Warner Home Video
Als Ende der 60er Jahre ihr musikalischer Stern zu sinken beginnt, und Stars wie Die Beatles, The Doors oder Led Zeppelin eine neue Musik-Ära einläuten, trennt Streisand sich von ihrem Manager und beginnt, ihre Lieder selbst zu arrangieren und den modernen Zeiten anzupassen. Es wird dauern, bis ihre Singles wieder die Verkaufszahlen wie zu Beginn ihrer Karriere erreichen, aber sie werden es tun.

Mit Paul Newman, Sidney Poitier und Steve McQueen gründet Streisand 1969 ihre erste eigene Produktionsfirma, First Artists Productions, um sich mehr Einfluss auf die Projekte zu sichern und eigene Stoffe zu realisieren. 1972 heißt das erste gemeinsam umgesetzte Projekt SANDKASTENSPIELE. Ebenfalls 1972 erweitert sie ihr Vorhaben und gründet allein die Firma Barwood Films Production, mit der sie vor allem ihre bevorstehenden Regieprojekte umsetzt.

1972 soielt sie an der Seite von Ryan O'Neal, der mit LOVE STORY drei Jahre zuvor in die A-Liga Hollywoods aufgestiegen ist, in IS' WAS, DOC?. Beide Stars sind zunächst nicht besonders angetan von dem Projekt. So grunzt Streisand einmal: „Wovon handelt der Film? Ich sag's Ihnen: Von gar nichts!“

Sowohl Streisand als auch O'Neal werden für ihre schauspielerischen Leistungen noch immer oft belächelt und nicht ernst genommen und suchen eigentlich ein Projekt, das ihren Bedürfnissen mehr entspricht. Doch Regisseur Peter Bogdanovich überzeugt Streisand mit einigen Drehbuchänderungen – obwohl ihr offiziell jeder Einfluss auf das Drehbuch vertraglich untersagt ist, ein Knebel, den Streisand in jener Zeit nur in diesem speziellen Ausnahmefall stehen lässt. Vielleicht wegen O'Neal, mit dem sie eine kurze Affäre hat, vielleicht aber auch wegen Bogdanovichs Begeisterung für das Projekt.

Und selbstverständlich steuert sie eigene Songs zum Soundtrack bei; auch das wird weiterhin ein wiederkehrendes Element ihrer weitgefächerten Karriere sein.
Trotz der Vorbehalte wird die Komödie überaus erfolgreich, unterstreicht Streisands komödiantisches talent und sorgt für ein Revival der Screwball-Komödien.

Auf dem Zenit und ein wahres Traumpaar


Ein Jahr später spielt Streisand eine ihrer wohl schönsten Rollen. In Sidney Pollacks SO WIE WIR WAREN steht sie an der Seite von Robert Redford und mimt einen Charakter, der ihrem eigenen sehr nahe zu sein scheint. Katie ist Kommunistin, überzeugt und laut. Ausgerechnet sie verliebt sich bereits auf dem College in Hubbel, einen athletischen Sohn aus gutem Hause, der zwar ebenso kritisch ist wie Katie, und diesen Gedanken durch seine Romane Ausdruck verleiht, der sich dem kapitalistischen System (hier dargestellt durch die Traumfabrik Hollywood) jedoch unterwirft, um seine Bücher verfilmen zu können.
Quelle: Blu Ray So wie wir waren © Sony Pictures Home Entertainment
Robert Redford und Barbra Streisand zeigen hier jeweils eine ihrer besten Leistungen. Der Film wird einer der erfolgreichsten des Jahres und einer der umsatzstärksten in der Redfords langer Karriere. Dabei will er die Rolle erst gar nicht annehmen, denn hier spielt er nur die zweite Geige neben der beeindruckenden Streisand. Doch er besinnt sich schnell eines Besseren.Allerdings zweifelt er zunächst an Streisands Schauspiel: „Was ich problematisch fand, war das Konzept, einen Film auf Barbra als ernster Schauspielerin aufzubauen. Sie hatte noch nie eine ernste Rolle gespielt.“
Beide werden allerdings schnell Freunde. Zwar hätten sie sich „ein politischeres Script im Stil von Dalton Trumbo gewünscht“, erkennen aber schnell, dass „diese Geschichte zuallererst eine Liebesgeschichte ist“, was sie schließlich akzeptierten.

Ein Manko haftet dem Film leider an: Die Sequenzen, die sich besonders kritisch mit der McCarthy-Ära der 50er Jahre beschäftigen, werden vor dem Filmstart deutlich geschnitten, was dem Film die letzte Konsequenz seiner politischen Aussagen nimmt.
Der Film erhält sechs Oscarnominierungen, doch nur Streisand bekommt die Trophäe für ihren berührenden Titelsong „The Way We Were“, der noch heute ein Gassenhauer in den USA ist.

Drama bekommt Substanz


Nachdem Streisand auch die Hürde einer dramatischen Rolle erfolgreich überwunden hat, entwickelt sich diese Seite des Rollenspektrums zur bevorzugten in ihrem Schaffen als Schauspielerin und Regisseurin.
Doch je mehr sie nach Einfluss und künstlerischer Freiheit giert und diese einfordert, desto mehr Steine werden ihr in den Weg gelegt.

Und so landet sie zunächst wieder in Komödien. Nach BEI MIR LIEGST DU RICHTIG folgt mit FUNNY LADY die Fortsetzung ihres ersten Erfolgs. Diese heimst fünf Oscarnominierungen ein, kann aber finanziell nicht mit dem Vorgänger mithalten. Wieder spielt Streisand Fanny Brice, die aber nun erfolgreich am Broadway arbeitet und von der Weltwirtschaftskrise eiskalt erwischt wird. Doch der Film fällt gnadenlos bei Publikum und Zuschauern durch.
Für Streisand ist der Misserfolg eine Katastrophe. Sie hat hinter den Kulissen ordentlich an den Strippen gezogen und versucht, sich endlich mehr Unabhängigkeit als Filmemacherin zu erstreiten, verliert mit FUNNY LADY aber bei Kritikern und Publikum an wichtiger Unterstützung.
Quelle: Blu Ray A Star is Born © Warner Home Video
1976 gelingt es ihr wieder, in einem Drama unterzukommen. In der bereits dritten Verfilmung des Klassikers A STAR IS BORN kann sie keiner Geringeren als Cher die Hauptrolle abluchsen, in einer Zeit, in der diese eine der bekanntesten und populärsten Fernsehstars der USA ist. Cher reagiert entsprechend frustriert: „Barbra hat nicht den leisesten Dunst von Rock 'n' Roll“. Denn natürlich widmet sich die Neuauflage des Klassikers EIN STERN GEHT AUF von 1937 der jetzt so populären Rock- und Popmusik.

Kris Kristofferson tritt in Freddy Marchs und James Masons Fußstapfen und porträtiert den an sich selbst zerbrechenden John Norman Howard. Streisand versucht die Brillanz einer Judy Garland zu übertrumpfen, scheitert jedoch kläglich. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass Streisand maßgeblichen Einfluss auf das Drehbuch nimmt, was deutlich zu spüren und nicht überall beliebt ist. Denn Streisand nutzt die Gelegenheit, mit dem Film eine feministische Stellung zum Sexismus in der Unterhaltungsbranche zu beziehen.
Der unvermeidliche Eklat findet im Schneideraum statt. Denn der Endschnitt enthält keine dieser vermeintlich prekären (und in den 70er Jahren äußerst populären) Ansichten, wodurch der Film zu einem Rührstück erster Güte gerät. Schließlich mischt Streisand sich doch noch ein, und schneidet erstmals einen Teil ihres Films selbst. Sie fügt als Finale eine siebenminütige Konzertsequenz ohne einen einzigen Schnitt ein, die sie selbst in einer Nahaufnahme beim Gesang ihrer Hits zeigt, und raubt Kritikern und Publikum damit die Geduld. Vielen wirkt dieses Finale zu egozentrisch, zumal Streisand es durchboxt, obwohl Testvorführungen aufzeigen, dass das Publikum ein kurzes Ende präferiert hätte.

Die Kritiker zerfetzen Streisands Darstellung in der Luft. So schreibt „Die Zeit“: „Ihren Co-Star Kris Kristofferson degradiert Miss Streisand zum simplen Stichwortgeber. Und sie tut auch ihr möglichstes, mit bombastischen Dekors, Dialogen und Kostümen ihre unleugbare Präsenz als 'Performer' zu erschlagen. 'A Star is born' ist ein überlebensgroßer Ego-Trip: Narzissmus mit selbstzerstörerischen Zügen.“
Barbra Streisand gewinnt einen Oscar für ihre Interpretation des Filmsongs „Evergreen“ und erhält wie ihr Co-Star Kristofferson eine Golden Globe Nominierung als Beste Hauptdarstellerin (Komödie/Musical). Doch als Schauspielerin und Filmmemacherin ernstgenommen zu werden, gelingt ihr noch immer nicht.
Quelle: Blu Ray A Star is Born © Warner Home Video
Um wieder in erfolgreiche Gewässer zu schiffen, wiederholt sie die Zusammenarbeit mit Ryan O'Neal in der Komödie WAS, DU WILLST NICHT?. Doch der Versuch, den Erfolg von IS' WAS, DOC? zu wiederholen, schlägt fehl. Zu gewollt, zu kasperhaft kommt das krampfhaft aufbereitete Screwball-Element daher.

Streisands letzter Erfolg liegt inzwischen sechs Jahre und vier Filme zurück, und es scheint, als habe sie es sich mit Kritikern und Publikum gründlich verscherzt.
Sie, die einst ein großes Orchester leiten wollte, scheitert an der mangelnden Kooperationswilligkeit der anderen Beteiligten.
Doch Streisand wäre nicht Streisand, wenn sie ihr Karrieretief nicht als Kampfansage betrachten würde. Und sie nimmt die Herausforderung an. Kompromissloser als jemals zuvor sucht sie den Konflikt. Ihr nächstes Projekt soll ihr endlich geben, was sie will. Ganz offiziell will sie die ganze Kontrolle haben: Hauptrolle, Regie, Produktion und Drehbuch. Es wird ihr längster und härtester Kampf, der ihre Zukunft in Hollywood entscheidet.

Yentl – Jetzt erst recht!


Streisand ist schon seit Jahren fasziniert von der Novelle um eine polnische Jüdin, die sich in den 1920er Jahren als Mann verkleidet in einer Talmud-Schule ausbilden lässt, etwas, das Frauen streng verboten ist. Und sie soll die Rolle bereits 1969 spielen. Doch die Produktion zieht sich immer weiter hin, bis Streisand nach A STAR IS BORN selbst beschließt, zu alt für die Rolle zu sein.
1979 jedoch, angespornt von einer persönlichen Anekdote (sie entdeckt, dass Yentls Bruder neben ihrem Vater begraben liegt) und ihrem sinkenden Stern, stürzt sie sich mit neuer Energie in das Projekt. Und Orion Pictures ist bereit, ihr Hauptrolle, Regie, und ein Budget von 14 Millionen Dollar zu übertragen. Streisand lässt das bestehende Drehbuch fallen, und tut, was sie am besten kann: Sie lernt. Sie vergräbt sich in den jüdischen Lehren, den Zeremonien und Gebräuchen, studiert die Torah und führt endlose Gespräche mit Rabbis. Schließlich reist sie nach Prag, sucht Locations und macht erste Probeaufnahmen von sich im Kostüm. Doch als der Prestigewestern HEAVEN'S GATE an den Kinokassen abstürzt und Orion fast in den Ruin treibt, cancelt man dort alle projekte mit einem Budget über 10 Millionen. In den nächsten Jahren nimmt Streisand immer wieder Anlauf und sucht Geldgeber, doch jedes Mal wird YENTL wieder gecancelt. Erst im Frühling 1982, nach über 15 Jahren Vorbereitungen, beginnen die Dreharbeiten an dem Projekt.
Quelle: DVD Yentl © Twntieth Century Fox
Der Film startet 1983 und wird ein großer Erfolg. Und ein kleiner Triumphzug: Barbra Streisand erhält als erste und bisher einzige Frau den Golden Globe für die Beste Regie. Ihr Schauspiel hingegen wird (insbesondere als Anshel – dem männlichen Part ihrer Figur) belächelt und mit einer Nominierung für eine Goldene Himbeere bedacht.

Auch die Kritik findet für den Film nur lobende Worte. Und doch besiegelt YENTL das Ende von Streisands Hollywood-Karriere, denn auf dem Höhepunkt ihrer Karriere findet die selbstbewusste Filmemacherin einen neuen Feind, dem sie nicht gewachsen ist: Die Presse.
Ihre Interviews im Vorfelde der Promotion für YENTL erfüllen Streisand mit immer mehr Frust, weil sie sich nicht ernst genommen oder gewürdigt fühlt. Sie erinnert sich an ein folgenschweres Interview mit der Los Angeles Times: „Ich erzählte, dass ich Steven Spielberg meinen fertigen Film zeigte, und dass sein Ratschlag an mich lautete: 'Ändere kein einziges Bild daran'. Doch anstatt zu sagen, dass sein Rat an mich lautete, kein einziges Bild zu ändern, schrieben sie, dass er mich beim Schnitt unterstützt habe. Und das blieb dann hängen und wurde überall aufgegriffen. Sie begannen anzudeuten, dass ich all das unmöglich selbst geschafft haben könnte, dass ich nicht nur die Hilfe eines Mannes gebraucht hätte, sondern des größten Hollywood-Regisseurs der Welt.“ Streisand schwört sich, nie wieder ein Interview zu führen, und tatsächlich wird sie acht Jahre lang kaum noch mit der Presse reden.

Brillant und dennoch unbeachtet


Nach dem Erfolg von YENTL und den empfunden Schmähungen, noch immer nicht ernst genommen zu werden, ist sie fortan nur noch selten im Kino zu sehen. Mit NUTS ...DURCHGEDREHT wagt sich Streisand vier Jahre später in ihren schauspielerischen Ambitionen einen Schritt weiter. Sie spielt die Hauptrolle der Filmadaption des gleichnamigen Theaterstückes, die sie selbst produziert. In dem Gerichtsdrama spielt sie ein Callgirl, das einen Freier in Notwehr tötet. Nun soll das Gericht klären, ob sie während der Tat zurechnungsfähig war oder nicht, um das Strafmaß festzulegen. Streisand spielt wie entfesselt, rastet aus, ist verzweifelt, hysterisch und hilfsbedürftig zugleich. Die Kritik ist Streisands Spiel gegenüber überwiegend wohlwollend und schreibt unter anderem: „Durch das sehenswerte Spiel von Barbra Streisand verdichtet sich der Charakter der Hauptperson zu einer Anklage gegen Doppelmoral und Psychiatrie.“ Streisand wird für einen Golden Globe als Beste Hauptdarstellerin nominiert.

Doch Streisand ist mittlerweile Mitte Vierzig und findet keine Rollen mehr. (Überhaupt werden ihr in ihrer gesamten Karriere lediglich von sechs Regisseuren Rollen angeboten!) Und so dauert es weitere vier Jahre, bis sie, erneut mit einem eigenen Projekt, wieder ins Kino kommt.

DER HERR DER GEZEITEN, bei dem Streisand Hauptrolle, Regie, Produktion und sicherlich hinter den Kulissen großen Einfluss auf das Drehbuch und den Endschnitt übernimmt, ist brachial, wuchtig, hochemotional und schlicht eines der besten Dramen der frühen 90er Jahre. Und doch wird er den Endpunkt in Streisands Karriere bilden.
Quelle: DVD Der Herr der Gezeiten © Sony Pictures Home Entertainment
Streisand hat sich im Laufe der Jahre einen schweren Stand bei den Journalisten erarbeitet und auch das Publikum nimmt sie äußerst kritisch wahr. Als sie sich während der Dreharbeiten mehr und mehr zurückzieht und den Drehort abschirmt (was ein übliches Prozedere ist), zürnen die Einwohner der Kleinstadt in South Carolina, das man als Location gewählt hat: „Ich kann verstehen, dass sie nicht begafft werden will. Aber es ist doch sehr irritierend, dass Leute, die hier wohnen, nichts an ihrem Besitz verändern dürfen, ohne den Dienstweg einzuhalten, und dann kommen die Filmleute hierher und bekommen alles, was sie sich vorstellen. Wenn die Streisand mit den Fingern schnippt, dann wird sofort getan, was sie will.“ Ein anderer Anwohner streut das Gerücht, dass Streisand sogar den Flugverkehr umgeleitet habe, da der Lärm sie störe.

Ein Interview mit „60 Minutes“ während der Promotion des Films gerät zum Eklat, weil Streisand sich als unliebende Tochter und Kontrollfreak dargestellt fühlt. Nach Beschwerden von Streisand-Fans über den Interviewer erklärt dieser eine Woche später, „Barbra hat uns erzählt, ihr habe die Sendung gefallen“. Wütend meldet Streisand sich zu Wort, dass der Interviewer ihr aus Eigennutz falsche Aussagen in den Mund legen würde, worauf dieser erklärt: „Nick Nolte meinte, sie habe ihm gefallen. Auch Kirk Douglas und Peter Jennings meinten, sie mochten die Sendung. Wenn Barbra sagt, sie mochte sie nicht, wer bin ich, dass ich Haare spalte?“
Für Streisand ist das ein Musterbeispiel für den Krieg, den sie zu erkennen meint, zwischen dem, was sie „Die Wahrheit“ nennt, und den Journalisten, die, wie sie beklagt, „alle Macht haben.“
All das zeigt deutlich das Bild, welches die Öffentlichkeit von Streisand hat: das eines schwierigen, zickigen Kontrollfreaks.
Die Frage, die sich immer wieder stellt, und die auch Streisand selbst immer wieder lanciert, lautet: Wäre die Kritik an ihrer Person dieselbe, wenn sie ein männlicher Regisseur wäre?

DER HERR DER GEZEITEN wird überaus erfolgreich, und löst einen nachhaltigen Skandal in Hollywood aus.
Streisand spielt die Rolle der Psychiaterin Lowenstein, Nick Nolte den erwachsenen Tom Wingo, der seinen Kindesmissbrauch aufarbeitet. Zwar will Streisand zunächst Robert Redford oder Warren Beatty für die Rolle, aber beide lehnen ab, da sie sich den emotionalen Wendungen der Figur nicht gewachsen fühlen. Nolte, ein anerkannter, aber als alkoholsüchtig bekannter Charakterdarsteller, fürchtet sich zwar zunächst vor der als schwierig deklarierten Streisand, stimmt aber am Ende zu und spielt die vermutlich beste Rolle seines Lebens.

Bei den Oscars ist DER HERR DER GEZEITEN für insgesamt sieben Preise nominiert (darunter auch Nolte als Bester Hauptdarsteller). Auch Drehbuch, Kamera und Musik werden bedacht, und eine Nominierung als Bester Film gibt es ebenfalls. Doch Streisand als Regisseurin wird von der Academy übergangen. Ein Umstand, der die ehrgeizige Filmemacherin einmal mehr zutiefst verletzt und tatsächlich zu einem Aufschrei in Hollywood führt. Eine gewaltige Sexismus-Debatte bricht los, bei der noch einmal deutlich wird, dass bis zu jenem Zeitpunkt, 1992, erst eine einzige Frau überhaupt eine Oscarnominierung für die beste Regie erhalten hat: Lina Wertmüller für SIEBEN SCHÖNHEITEN im Jahre 1976!
Quelle: DVD „Nuts ... Durchgedreht“ © Warner Home Video
Bis heute wurden nur vier Frauen für den Preis nominiert (neben Lina Wertmüller noch Jane Campion für DAS PIANO, Sofia Coppola für LOST IN TRANSLATION und Kathryn Bigelow für THE HURT LOCKER), und Bigelow ist die bisher einzige weibliche Regisseurin, die den Preis entgegennehmen durfte – eine Quote von mittlerweile 1 zu 88!

Auch wenn DER HERR DER GEZEITEN mit DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER einen harten Konkurrenten hatte, gilt die Tatsache, dass er keinen einzigen Oscar erhält, und Streisand komplett ignoriert wird, bis heute als einer der größten Oscar-Snubs überhaupt, und noch am Abend der Preisverleihung findet Host Billy Crystal bei der musikalischen Vorstellung des Streifens ehrliche und kritische Worte. Und auch Shirley MacLaine und Liza Minelli finden bei ihrem Auftritt tröstende Bekundungen für Streisand.

Barbra Streisand zieht sich fünf Jahre aus der Filmbranche zurück, bevor sie ihr bis heute letztes Werk als Regisseurin, Produzentin und Hauptdarstellerin auf die Leinwand bringt: Die Beziehungskomödie LIEBE HAT ZWEI GESICHTER zeigt eine pointensichere Streisand in einem humorvollen Stück an der Seite von Jeff Bridges. Auch dieser Film findet Beachtung, ist aber längst nicht so erfolgreich wie DER HERR DER GEZEITEN.

Um Streisand wird es ruhig. Es scheint, als haben Kampfgeist und Ehrgeiz sie verlassen, sich im männlich kontrollierten Hollywood durchsetzen zu wollen.
Streisand konzentriert sich ganz auf ihre Karriere als Sängerin. Nur noch wenige Male kehrt sie aus der filmischen Versenkung zurück. 2004, acht Jahre nach ihrem letzten Auftritt, spielt sie die Rolle der Rozalin Focker in MEINE FRAU, IHRE SCHWIEGERETERN UND ICH. Sechs Jahre später kehrt sie für die Fortsetzung zurück, für die sie eine weitere Razzie-Award-Nominierung einheimst. 2012 spielt sie in UNTERWEGS MIT MUM ihre bisher letzte große Leinwandrolle.
Quelle: Blu Ray Unterwegs mit Mum © Paramount
Bis heute hat Streisand ihren Zorn auf die Presse nicht verloren, und schreibt damit Geschichte. 2003 verklagt Streisand einen Fotografen, der eine Luftaufnahme ihres Hauses in Malibu ins Netz stellt. Das Foto ist Teil einer 12.000 Bilder umfassenden Reihe, welche die Erodierung der kalifornischen Küste illustrieren soll. Bis zu ihrer Klage wurde das Bild nur ein halbes Dutzend Mal aufgerufen, doch ihr Rechtsstreit (den sie verliert) verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Internet. Die Welt wird auf das Foto aufmerksam, das tausendfach geteilt und diskutiert wird.
Ausgehend von der Episode entsteht der Begriff „Streisand-Effekt“, der beschreibt, wie der Versuch, eine ungewollte Information zu unterdrücken, dieser erst recht Aufmerksamkeit schenkt.

Die Kämpferin


Barbra Streisand, eine der atemberaubendsten Stimmen der Welt, hat sich nur selten durch überragendes Talent in Hollywood bemerkbar gemacht. Nein, ihre Filmkarriere glänzte durch eine andere Stärke: Kampfgeist und Gerechtigkeitssinn!
Die Frau, die weltweit mehr als 145 Millionen Platten verkauft hat, wurde immer von Ehrgeiz getrieben, von dem Wunsch nach Kontrolle. Nach der Möglichkeit, ihre eigene Vision umzusetzen. Sie war eine Feministin, die den männlichen Strukturen der Unterhaltungsbranche immer offener den Kampf ansagte, allein dadurch, dass sie für sich nichts anderes einforderte, als dieselben Möglichkeiten, die all ihre männlichen Kollegen genossen.

Dabei war sie nicht die erste weibliche Filmemacherin, die für mehr Unabhängigkeit kämpfte, aber vielleicht die kompromissloseste.
Schon die große Ida Lupino versuchte sich daran, Filme unter eigener Kontrolle zu verwirklichen, und konnte in DER MANN MIT ZWEI FRAUEN bereits 1953 als Hauptdarstellerin und Regisseurin auflaufen – und doch fällt auf, dass Drehbuch und Produktion – zumindest offiziell – von ihrem Ehemann Collier Young beigesteuert werden.
Quelle: DVD Yentl © Twntieth Century Fox
Streisand jedoch wollte alles für sich – die Verantwortung, den Respekt, die Anerkennung. Immer wieder wagte sie sich für diesen Kampf in den Ring, in einer Zeit, die ideal dafür zu sein schien. In der Ära der 70er Jahre, der Ära des New Hollywood, in der die Studios an Macht verloren, und unabhängige Autorenfilmer wie Steven Spielberg, George Lucas, Martin Scorsese, Warren Beatty, Robert Altman, William Friedkin, Woody Allen, Brian De Palma oder Francis Ford Coppola die Traumfabrik an sich rissen, wagte Barbra Streisand es, für sich dasselbe Recht einzufordern, dass all ihre männlichen Kollegen wie selbstverständlich zugestanden bekamen, und das man ihr einfach niemals zuteil werden ließ.

Streisand war nicht die erste, aber eine der bedeutendsten Autorenfilmerinnen unserer Zeit, die vielen ihrer Nachfolgerinnen Wege verbreitert hatte, die heute noch viel zu beschwerlich sind. Die weiblichen Regiestars wie Sofia Coppola, Jane Campion, Ava DuVernay, Susanne Bier, Jodi Foster, Lena Dunham, Kathryn Bigelow, Nancy Meyers, Brit Marling, Zal Batmanglij und vielen, vielen anderen hochtalentierten Regisseurinnen ein wenig mehr Raum erkämpft hat, um ihre Visionen zu verwirklichen.
Auch wenn der Kampf noch lange nicht vorbei ist, und weibliche Regisseure noch weit davon entfernt sind, dieselben Möglichkeiten wie ihre männlichen Kollegen zu genießen, muss man Barbra Streisands bedeutende Rolle in diesem Kampf anerkennen.

1991 erklärt Streisand in einer Rede vor der Organisation „Frauen im Film“:

Ein Mann ist energisch, eine Frau ist penetrant. Ein Mann ist kompromisslos, eine Frau ist eine hysterische Rechthaberin. Ein Mann ist ein Perfektionist, eine Frau ist eine Nervensäge. Er ist bestimmt, sie ist aggressiv. Er verfolgt eine Strategie, sie manipuliert. Er zeigt Führungsqualität, sie ist beherrschend. Er ist engagiert, sie ist besessen. Er ist beharrlich, sie ist unnachgiebig. Er bleibt fest, sie ist stur. Wenn ein Mann es richtig hinbekommen will, dann sieht man zu ihm auf und respektiert ihn. Wenn eine Frau es richtig machen will, dann ist sie schwierig und unmöglich. Wenn er gleichzeitig als Darsteller, Regisseur und Produzent arbeitet, dann ist er ein Multitalent. Sie schimpft man eingebildet und ichbezogen. Es heißt, ein Mann müsse über sich hinauswachsen.
Warum kann das nicht auch für eine Frau gelten...?
Quelle: DVD Hello Dolly © zweitausendeins

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