10.10.17

Kinokritik: Blade Runner 2049 (USA 2017) - Post-dystopisches Feuerwerk mit Makeln

BLADE RUNNER 2049 gehört zu den sehnlichst erwarteten Fortsetzungen der Kinogeschichte – und gleichzeitig zu den gefürchtetsten. Kann man einen Kultklassiker wie BLADE RUNNER – oft als einer der besten Sci-Fi-Filme aller Zeiten gelobt – überhaupt fortsetzen?
Ja, man kann. Und das Ergebnis ist ein Highlight, wenn auch kein problemfreies.
BLADE RUNNER 2049 spaltet das Publikum. Für die einen ein Meisterwerk, für die anderen ein aufgeblasenes, beinahe drei Stunden dahinsiechendes Stück Kunstkino. Während die Kritiker im siebten Himmel schwelgen, bleiben die Zuschauer aus.
Dabei trifft für BLADE RUNNR 2049 beides zu. Der Film ist ein wunderschönes Stück Kinokunst und eine geglückte Weiterführung der Welt von BLADE RUNNER, dem jedoch die inhaltliche Tiefe seines Vorgängers fehlt und dem es nicht gelingt, seine lange Laufzeit zu rechtfertigen.
© Sony Pictures Releasing GmbH
 – Spoilerwarnung –
Auch wenn wir keine entscheidenden Einzelheiten über die Handlung oder die Figuren aus BLADE RUNNER 2049 verraten, werden wir doch etliche Details, Szenen oder Momente ansprechen oder umschreiben, die man als Spoiler auffassen könnte. Wer also gar nichts über den Film wissen möchte, sollte er nach dem Kinobesuch zu uns zurückkehren. Geduld hat er ja dann schon bewiesen.

Marcos Blick:

Ich war etwa vierzehn Jahre alt, nur fünf Jahre älter als der Film selbst, als ich BLADE RUNNER zum ersten Mal gesehen habe, und ich kann nicht behaupten, dass ich viel davon verstanden hätte.
Dennoch war es Liebe auf den ersten Blick.
Was mich in seinen Bann gezogen hat, war einzig das audiovisuelle Erlebnis: die Bilder und das Setdesign, vor allem die Entwürfe von Syd Mead; die Geräusche, das sanfte Surren der aufsteigenden oder vorbeischwebenden Aircars, das Zischen und Rauschen des Marktplatzes, oder das Schnaufen, Klackern und Piepen des Voight-Kampff-Tests; vor allem aber der bis ins Mark einsickernde, sphärische Score von Vangelis, der die düster-dystopische Atmosphäre des Films nicht nur unterstützt, sondern überhaupt erst erzeugt.
Es hat mich etliche Sichtungen, und einige weitere Jahre an Lebenserfahrung gekostet (in einer Welt ohne Internet oder leicht verfügbaren Zugriff auf neun Jahre alte Filmreviews), um mir die Geschichte des Films zu erschließen.

All die ersten Male, die ich BLADE RUNNER gesehen habe, war das, worum es eigentlich ging, beinahe zweitrangig. Es war das Erlebnis, die Bilder, die Atmosphäre, die Geräusche und der Score, die mich in eine emotionale Welt geschleudert haben wie kein Film vor ihnen.
Das, und das Gefühl, dass hier eine hochkomplexe, tiefe, existentielle Geschichte erzählt wird, voller Rätsel, Geheimnisse und einer furchtbaren Entdeckung. Ich mag die Geschichte nicht verstanden haben, doch ich war mir ihrer Komplexität und ihrer Tragweite bewusst.
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Nun, nach 35 Jahren, ist tatsächlich eine Fortsetzung dieses Klassikers ins Kino gekommen, und einige Tage nach der Sichtung kann ich feststellen: Auch BLADE RUNNER 2049 überzeugt mich in all dem, was mich vor sechsundzwanzig Jahren an seinem Vorgänger fasziniert hat: Die Bilder, die Geräusche, der Score – all das zieht einen hinein in eine Welt, die ebenso beklemmend und lebendig wirkt wie die des großen Vorläufers.
Es ist allein die zweite Ebene – die Rätselhaftigkeit und gefühlte Tiefe, das Ineinanderlaufen von Themen und die alles überlagernde Verzweiflung und Traurigkeit, die in BLADE RUNNER eben nicht nur aus den Bildern und der Musik entspringt, sondern auch aus der Geschichte –, in der BLADE RUNNER 2049 es nicht mit seinem Vorgänger aufnehmen kann.

Das post-dystopische Meisterwerk


Um das vorweg zu nehmen: BLADE RUNNER 2049 ist ein hervorragender Film, an dem jede Kritik auf hohem Niveau erfolgt. Aber dennoch gibt es Kritik, die man sich vor Augen führen muss, weil sie den Film deutlich mitbeherrscht.
Doch beleuchten wir zunächst die Stärken.

BLADE RUNNER 2049 ist eine nahezu ideale Fortsetzung. Als 1982 der erste BLADE RUNNER erscheint (Der im Kino floppt! Ein Schicksal, das nun auch dem Nachfolger droht ...), und noch neun Jahre später, als ich ihn für mich entdecke, wirkt das hochtechnisierte, düstere, von Konzernen und Weltenflucht beherrschte Los Angeles des Jahres 2019 wie ein Alptraum, nach dem man sich dennoch irgendwie sehnt. Die Natur ist zerstört, aufgefressen von der Gier der Konzerne, die den Menschen und die Replikanten unter ihrem Stiefel zermalmen. Damals glaubt man noch, der Tod unseres Ökosystems käme mit ewiger Nacht und Dauerregen daher, heute wissen wir, dass er von Stürmen und Hurrikans, Überschwemmungen und Dürren begleitet wird.

BLADE RUNNER 2049 spielt dreißig Jahre später, und ihm gelingt das sagenhafte Kunststück, das einst futuristische Ende der Welt von 2019 als uralte Vergangenheit, als beinahe erstrebenswerte „gute alte Zeit“ darzustellen. Die Welt von BLADE RUNNER 2049 ist eine, in der die Welt von BLADE RUNNER noch einmal mit Schmackes gegen die Wand gefahren wurde.
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Wir begleiten den Blade Runner K zu einem Routine-Auftrag. Auf einer abgelegenen Farm stöbert er den versteckt lebenden Replikanten Sapper Morton auf. Nach Abschluss des Falls macht er auf dem Gelände des Farmers jedoch eine unerwartete Entdeckung, die alles für sicher Gehaltene durcheinander wirft. Eine Entdeckung, die sein eigenes Dasein in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Auf der Suche nach der Lösung des Rätsels gerät er ins Visier des Großindustriellen Niander Wallace, dem Nachfolger Tyrells, und vor allem seiner umtriebigen Assistentin Luv. Plötzlich Jäger und Gejagter zugleich, gibt es für K nur eine Person, die ihm seine Fragen beantworten kann: Rick Deckard, dessen 30 Jahre zurückliegende Ermittlungen mit der Sache verknüpft zu sein scheinen, und der sich seit vielen Jahren versteckt hält. So beginnt eine Suche, deren Ziel die Zukunft der Menschen und Replikanten für immer verändern könnte ...

Wie sein Vorgänger erzählt BLADE RUNNER 2049 eine recht stringente Detektivgeschichte. Und wie sein Vorgänger tut er das mit Stil.
Man kann von dem Film halten was man will – BLADE RUNNER 2049 ist der schönste und ästhetischste Film des Jahres. Kamera, Setdesign, Score – kein anderer Film reicht auch nur ansatzweise an dieses Feuerwerk heran.

Die Effekte sind ähnlich bahnbrechend wie die des Vorläufers es 1982 waren, und drängen sich, wie damals, nie in den Vordergrund, sondern verschmelzen mit der Welt zu einer Einheit, die alles organisch und natürlich wirken lässt. Das gleiche gilt für das Setdesign von Paul Inglis und Tibor Lázár (auch Syd Mead werkelt wieder mit), deren Worldbuilding hier Maßstäbe setzt.
Dabei besonders auffällig: Während sich BLADE RUNNER ganz offen am chinesisch-japanischen Look von Shanghai und Tokyo orientiert, bedient sich BLADE RUNNER 2049 deutlich erkennbar an russischen und koreanischen Einflüssen. Die Welt wirkt älter, staubiger, verbrauchter. Erschien einem das Los Angeles von 2019 noch wie eine erstrebenswerte High-Tech-Vision, entlässt einen das Jahr 2049 endgültig in die post-dystopische Endzeit. Noch weitere dreißig Jahre, so möchte man meinen, und einem Crossover mit MAD MAX stehe nichts mehr im Wege.

BLADE RUNNER 2049 erschafft seine Welt mit viel Liebe zum Detail und dem stetigen Anspruch der Glaubwürdigkeit. Man hat das Gefühl, dass diese Welt wirklich erfunden werden würde, wenn wir nur lange genug warten. (Das gerüttet Maß an Product-Placement tut sein Übriges dazu.)

Doch der wahre Magier hier heißt Roger Deakins, der diese Welt mit Bildern einfängt, die einem stellenweise den Atem rauben. Der ohnehin für seiner herausragenden Bilder berühmte Kameramann liefert mit BLADE RUNNER 2049 sein Meisterwerk ab, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Engländer hier nicht endlich seinen längst überfälligen Oscar einheimsen sollte – denn obwohl Deakins in den letzten zwanzig Jahren dreizehn Mal nominiert wurde, ging er bisher immer leer aus.

Nein, optisch und ausstattungstechnisch ist BLADE RUNNER 2049 über jeden Zweifel erhaben und wird als Meisterwerk und Lehrstück in die Film- und Designakademien dieser Welt Einzug halten.
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Ähnlich bombastisch verhält es sich mit dem Sound. Wie schon in BLADE RUNNER (wenn auch nicht ganz so griffig) klingt diese Welt bewohnt, lebendig, glaubwürdig. Die Musik unterstreicht auch hier die düstere Stimmung dieser Welt, wenngleich sie nicht so konstituierend wirkt wie einst. Was dabei auffällt: Die Musik ist immer dann am stärksten, wenn sie klar erkennbar den zarten, zerbrechlichen Originalscore von Vangelis zitiert und verliert jedes Mal an Wucht (auch wenn sie deutlich wuchtiger wird), wenn Komponist Hans Zimmer sich selbst zu sehr einbringt. Das fällt vor allem in dem Augenblick auf, wenn der Abspann beginnt, und Hans Zimmer einem völlig unvermittelt seine zornigen Trommeln, Gitarrenriffs und Synthesizerkratzer um die Ohren schleudert, und man sich fragt, wie das jetzt noch zur Atmosphäre des Films passen soll …

Der köchelnde Topf


Erfreulich – wenn auch nicht völlig unproblematisch – ist vor allem, dass der Film sich der Fans des Originals bewusst ist. Und hier wird eine Menge für Fans und Nostalgiker getan!
Nicht nur, dass Deckard erneut auftaucht, und der Film die Frage weiterführt, ob er nun ein Replikant ist oder nicht, beantwortet der Film auch etliche offene Fragen über dessen Werdegang mit Rachel. Und natürlich trifft man etliche alte Weggefährten und Spielorte des Originals wieder.
Doch das vielleicht größte Geschenk an die Fans ist die einst für BLADE RUNNER geplante und nie umgesetzte Eröffnungssequenz.

Mittlerweile hat Ridley Scott bestätigt, wie er einst plante, BLADE RUNNER beginnen zu lassen:
„Mit einem köchelnden Topf. Er steht auf dem Herd in einem kleinen Farmhaus, und daneben sitzt Harrison Fords Deckard. Ein Farmer tritt ein und rührt in dem Topf. Er bietet Deckard etwas an und fragt ihn, wer er sei.
Deckard steht auf. Er sagt: 'Ich bin Deckard, Blade Runner.' Und Peng! Er erschießt den Farmer ohne ersichtlichen Grund. Knallt ihn einfach ab. Und als der Mann an der Wand zu Boden sinkt, nimmt Deckard seinen Kopf und zieht seinen Unterkiefer heraus. Man sieht, dass er aus Aluminium besteht und eine Seriennummer eingraviert hat. Jetzt wird einem klar: Das ist kein Mann, sondern ein Roboter.“
Stattdessen lernen wir Deckard kennen, wie er im Regen Zeitung lesend an einem Nudelstand zu Mittag isst. Die Replikanten hingegen lernen wir kennen, als Leon bei einem Voight-Kampff-Test durchfällt.
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BLADE RUNNER 2049 beweist nun, wie mächtig das ursprünglich geplante Intro gewesen wäre. Auch in diesem Film entwickelt es einiges an Wucht, und verliert nur deshalb, weil man mit der Existenz und Beschaffenheit von Replikanten bereits vertraut ist.
Nichtsdestotrotz: Der Soundeffekt des köchelnden Topfs allein, und die sinnvollen Erweiterungen der Eröffnungssequenz, die dann doch noch einige Überraschungen bereit halten, beweisen deren Kraft und Potential, und als Fan freut man sich, dass man diese mittlerweile legendäre Szene nun endlich zu sehen bekommt.

Die Glanzleistungen am Rande


Schauspielerisch erweist sich BLADE RUNNER 2049 als schwierig zu bewerten. Ryan Gosling macht seine Sache gut, doch sein emotionsfreier, beinahe autistischer K erinnert zu sehr an seine Figur in DRIVE und bietet zu wenig Eigenständigkeit, als dass man ihm emotional auf die Reise folgen kann, was eine der großen Schwächen des Films mit sich bringt: Die bedeutenden Figuren bleiben zu blass, als dass man sich wirklich in sie einfühlen könnte. (K's einziger Emotionsausbruch dient viel zu offensichtlich dazu, etwas zu verschleiern, was ihm wiederum einiges an Bedeutung nimmt.) So bleibt man als Zuschauer seltsam unbeteiligt.

Immerhin sorgt das Ganze für ein wenig Humorpotential, wenn der stoische K schließlich auf Deckard trifft, den Harrison Ford noch immer genau so grantelig, stur und alkoholfreudig darstellt wie schon 1982.
Dass Harrison Ford kein begnadeter Schauspieler ist, sondern die Leinwände vor allem mit Charisma erobert hat, tut seinem Ruhm keinen Abbruch. Es ist auch nicht tragisch, dass er mit seinen mittlerweile 75 Jahren vornehmlich in seine glanzvollsten Rollen zurückkehrt.
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Störend ist dabei nur, dass all diese neu aufgenommenen Wiederauftritte ihren Figuren nicht gerecht werden. Wie schon in DAS ERWACHEN DER MACHT kehrt Harrison Ford hier als eine ganz und gar unglamouröse Figur zurück, die aus irgendwelchen Gründen zu einer Legende geworden sein soll, die sie nie war, einzig, weil die Rolle in den Köpfen der Fans eine Legende ist. Weder Han Solo noch Deckard haben je das Rampenlicht oder die Aufmerksamkeit gesucht. Beides sind knurrige Einzelgänger, die in Frieden gelassen werden wollen, und, zumindest im Falle Deckards, als kleines Rädchen im System die Drecksarbeit erledigen. Dennoch inszeniert der Film ihn, als würde hier ein einstiger Heilsbringer im Exil aufgestöbert werden.
In beiden Fällen überlagert die Wahrnehmung der Zuschauer die Welt, in der die Figuren leben, was sie unglaubwürdig macht.
Immerhin: Ford scheint an der Rolle von Deckard gelegen zu sein, denn es gelingt ihm hier tatsächlich, eine seiner besseren Leistungen zu erbringen. Besonders in einer Schlüsselszene gegen Ende des Films, wenn er mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, kann man ihm seine Gefühle am Gesicht ablesen.

Doch die wahren Überraschungen in BLADE RUNNER 2049 finden sich am Rande.
Da wäre einmal die niederländische Sylvia Hoeks, die als undurchsichtige Assistentin des Großindustriellen Wallace ganze Arbeit leistet, und, wenn man die Parallele zu BLADE RUNNER sucht, ein spannendes und unwahrscheinliches Amalgam aus Rachel und Roy Batty bildet. Leider krankt ihre Figur am Drehbuch, das ihr einfach keine sinnvolle Motivation mitgeben will. Ein irgendwann dahingeschleudertes „Ich bin die Beste!“ soll vermutlich ihren Ehrgeiz oder ihre Eifersucht oder etwas ähnliches für ihre Taten verantwortlich machen, doch wirklich glaubwürdig ist das nicht.

Auch Mackenzie Davis liefert mit ihrem recht kurzen Auftritt als Mariette maximale Präsenz ab. Die Kanadierin, die durch die Hauptrolle in der BLACK MIRROR Kultfolge „St. Junipero“ unerwarteten Ruhm einfuhr, empfiehlt sich hier als Charakterdarstellerin der oberen Liga.

Wer jedoch jede Szene an sich reißt, ist die Kubanerin Ana de Armas, die schon in WAR DOGS überzeugend auftrat. Zugegebenermaßen hat sie das große Glück, vom Drehbuch die komplexeste Figur an die Hand zu bekommen, die sie jedoch so herausragend spielt – perfekt austariert zwischen zerbrechlich und sexy, sündig und madonnenhaft , dass ihr Auftritt allein den Filmbesuch wert ist.
Hier liefert sie eine Visitenkarte ab, die sie zu einem ganz großen Star machen könnte. Außerdem bildet sie das gehaltvollste Mysterium des Films und übernimmt den Staffelstab des Originals, das die Frage stellte: Wie menschlich kann künstliches Leben sein?
Alles, was an BLADE RUNNER ambig und vage war, findet sich diesmal in dieser Nebenfigur, die damit beinahe zu einer heimlichen Hauptrolle heranwächst.
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Jared Leto hingegen hat mal wieder kein glückliches Händchen bei der Rollenwahl bewiesen – doch zu den Kritikpunkten kommen wir erst jetzt.

Ohne zweite Geige bleibt alles platt


In vielen wichtigen Punkten trumpft BLADE RUNNER 2049 auf. Er sieht meisterhaft auf, klingt wunderschön, und erweist sich als nahezu perfekte und äußerst liebevolle Fortsetzung eines Kultklassikers.

Dennoch: Nicht alles hier läuft so perfekt, wie es man es sich wünschen würde. Wenn auch – ich wiederhole es gerne – die Kritik auf hohem Niveau erfolgt. Aber gerade weil der Film in seinen Stärken so herausragt, und ein Klassiker hätte werden können, sind die Schwächen umso ärgerlicher, die ihm diesen Status verweigern.

Eine der größten Schwächen ist das Script!

Auf den ersten Blick ist es erfreulich, dass Hampton Fancher, der schon das Hauptscript zum ersten Film schrieb, hier die Story entwickelt, und das Drehbuch schreibt. Doch muss man sich dabei daran erinnern, dass Fanchers Script Anfang der Achtziger von Phillip K. Dick rundheraus abgelehnt wird: „Ich war wütend und abgestoßen, dass sie meinem Roman all seine Bedeutung und Subtilität genommen hatten. Es war zu einem reinen Kampf zwischen Androiden und einem Kopfgeldjäger geworden.“
Erst als David Webb Peoples das Script umschreibt, erhält es seine legendäre Tiefe, die auch Dick begeistert: „Ich konnte kaum glauben, was ich lese! Die ganze Sache war fundamental verjüngt worden. Das Script und der Roman haben sich gegenseitig verstärkt, so dass jemand, der erst das Buch liest, den Film genießen konnte, und wer den Film kannte, konnte den Roman genießen. Es hat mich Dinge über das Schreiben gelehrt, die ich nicht gewusst habe.“

Ein derartiger Einfluss wie einst Webb Peoples auf Fanchers Script hatte, fehlt dieses Mal. Zwar schreibt auch Michael Green mit, der mit LOGAN und ALIEN: COVENANT dieses Jahr bereits zwei bedeutende Beiträge abgeliefert hat (und als Produzent in AMERICAN GODS ebenfalls), doch dem Script von BLADE RUNNER 2049 fehlt jede Finesse des Originals.
Dabei ist die Geschichte nicht schlecht! Sie erweitert das BLADE RUNNER Universum sinnvoll und sehenswert. Sie erzählt eine schlüssige und logische Detektivgeschichte, die weiterhin in der Tradition des Film Noirs gründet.
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Aber es bleibt alles flach, eindeutig, und teilweise vorhersehbar. Und was am schlimmsten wiegt: Das Drehbuch leidet an einem akuten Fall von Erklärfieber!
Wo BLADE RUNNER sich in Leerstellen, Unerklärtem und nur schwer zu deutenden Schritten badete, die einem ein mehrmaliges Anschauen notwendig machten, um die Welt, die Figuren und die Geschichte überhaupt zu verstehen, macht sich BLADE RUNNER 2049 daran, alles, aber auch wirklich alles zu erklären und aufzulösen, damit auch ja keine Frage offen bleibt. Und in den wenigen Fällen in denen der Film eine Ambivalenz anstrebt, kommen die Hinweise mit dem Holzhammer.

BLADE RUNNER erzählt seine im Grunde stringente Detektivgeschichte so lakonisch und unkommentiert, dass man manchmal Mühe hat, ihr zu folgen. BLADE RUNNER 2049 hingegen verwechselt Lakonie mit Langsamkeit. Jeder Schritt wird deutlich erklärt und aufgedröselt, damit man ihn auch in der letzten Reihe noch kapiert, dabei aber so endlos langsam erzählt, dass man sich fragt, welcher Sinn dahinter stecken mag.
Zu dieser Erzählschwäche gehört auch eine der plattesten Verwendungen sprechender Namen, die mir im Kino bisher untergekommen sind. Nur so viel sei verraten: Wenn K zwischen Liebe und Freude gefangen wird – das eine voller Zorn, das andere nicht greifbar –, dann dürften auch die schwächsten küchenpsychologischen Lampen im Publikum einmal hell erstrahlen, damit auch wirklich jeder versteht, dass der Film hier gerade fröhlich rum-metaphorisiert. (Auch das wieder ein Fall, in dem die Welt des Films für den Zuschauer gestaltet wird, nicht für sich selbst!)
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Besonders ärgerlich wird es jedoch in dem Augenblick, als K Deckard endlich findet. BLADE RUNNER hätte sich mit der staubig-gelbroten Luft zufrieden gegeben, mit einer kleinen Fahrt durch das leerstehende Hotel begnügt, mit einem Schwenk über die Bar und verstaubte Roulettetische – er hätte es der Zeit und dem Publikum überlassen, herauszufinden, wo wir uns befinden.
Nicht jedoch BLADE RUNNER 2049! Erst sieht man die Örtlichkeit grob südöstlich von Los Angeles auf einer Karte. Anschließend spielt K kurz an einem der Roulettetische. Später sieht man Videoprojektionen von Frank Sinatra und Elvis Presley auf der Bühne auftreten. Und wer jetzt immer noch nicht kapiert hat, dass wir in Las Vegas sind, dem sagt Deckard noch: „Früher war hier abends mehr los“ und „Ich habe Millionen Flaschen Whisky“. Ja mein Gott, dann sagt es doch gleich, und spart euch die Zeit! Entweder andeuten, oder nicht, aber einen solange in Hinweisen zu ersäufen, bis man sich wünscht, es würde einfach ausgesprochen werden, ist keine Kinokunst ...

Geträumte Schafe


Es ist diese Erklärwut, die dem Film viel von dem nimmt, was BLADE RUNNER einst zum Kultfilm erhob: Sein Vertrauen in das Publikum und die erschaffene Welt. Seine strikte Weigerung, mehr zu erklären als das absolut Notwendigste, und es dem Publikum zu überlassen, sich die Puzzleteile zusammen zu setzen.

Dazu passt eine winzige Szene, die eher ein Gag ist, und ein durchaus witziges Augenzwinkern in Richtung Publikum, aber eben aufgrund seiner Metaebene und einer erneut unnötigen Antwort auf eine Frage, die nie beantwortet werden sollte, auch ins Raster passt.
In einer inhaltlich komplett irrelevanten, nur fürs Publikum erschaffenen Szene besucht K den ehemaligen Polizisten Raff im Altersheim. Während sie sich kurz über Deckard unterhalten, bastelt Raff – natürlich – an einer seiner legendären Origamifiguren.
Wer BLADE RUNNER kennt, weiß, dass Raff dazu neigt, die Tiere zu basteln, von denen Replikanten träumen. Welches Tier aber stellt Raff am Ende des Gesprächs vor K auf den Tisch?
Ein Schaf!
Ausgerechnet.
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Ja, die Szene ist ein witziger Gag – aber eben nicht in der Filmwelt, sondern außerhalb. Eine nie geforderte und unverhohlene Antwort auf die Frage: „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, den Titel von Dicks Roman, auf dem BLADE RUNNER lose beruht.
Nun, damit wäre auch diese Frage geklärt, denn nun wissen wir, wovon zumindest K träumt. Trotzdem: Das Schaf bleibt, ebenso wie die Heldenverehrung Deckards oder die sprechenden Namen der Nebenfiguren, ein Geschenk an die Zuschauer, nicht an die Figuren selbst, und das ist in diesem Falle wirklich bedauerlich.

Ich bin schlicht kein Freund davon, eine so dicht und stimmungsvoll gebaute Filmwelt wie die von BLADE RUNNER 2049 für einen Gag verlassen zu müssen, nach dem nie jemand gefragt hat. Das war weder nötig, noch wirklich sinnvoll.
Gerade BLADE RUNNER lebt davon, dass die Figuren sich stets so verhalten, wie sie es in ihrer Welt tun würden, und den Zuschauer damit zwangen, ihnen in ihre Welt zu folgen, um ihr Handeln zu begreifen. Das erfordert Arbeit vom Publikum. Das nun damit aufzubrechen, dass die Figuren Handlungen begehen, die nur für das Publikum sinnvoll sind, kehrt eines der erzählerischen Schlüsselelemente des Originals um. Das Publikum wird hier immer wieder von seiner Mitarbeit befreit.

Die schöne Zeit endet spät


Und dann ist da noch das größte Problem des Films: die Länge.
164 Minuten!

Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen lange Filme – Einige meiner Lieblingsfilme gehen gut drei Stunden oder mehr. Ich habe nicht einmal etwas gegen ruhige, lange Filme – Sergio Leones Western gehören für mich zum Edelsten, was das Kino je hervorgebracht hat.
Nur ist Denis Villeneuve kein Leone, und BLADE RUNNER 2049 ist kein SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD.


Das Problem ist, dass der Film sich mit seiner Langsamkeit in den wunderschönen Bildern suhlt, und dem Zuschauer dabei wie erwähnt jegliche Arbeit bei der Geschichte abnimmt.
Auch BLADE RUNNER war ruhig, beinahe lethargisch. Nahezu zehn Minuten sieht man Deckard zu, wie er alte Fotos betrachtet und darin herumzoomt.
Doch genau das tut BLADE RUNNER 2049 nicht. Hier ist einfach alles nur seeeeehr langsam. Minutenlang gehen die Figuren durch wunderschöne Bilder. Halten verlangsamte Monologe, die manchmal in Dialoge ausarten. Der Versuch, die ruhige Gelassenheit von BLADE RUNNER zu imitieren, ist fehlgeschlagen. BLADE RUNNER 2049 ist nicht gelassen, sondern einfach nur verdammt langsam.
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In Schrittgeschwindigkeit rollt man durch eine Geschichte, die knapp einen 90-Minüter gefüllt hätte, und die Michael Bay in 40 Minuten plus eine Stunde Explosionen erzählt hätte. Dabei verlässt sich Villeneuve darauf, dass der Zuschauer schon die wunderschönen Landschaften genießt, die man aus dem Fenster sieht, und der Musik im Autoradio lauscht. Doch das allein reicht nicht.

BLADE RUNNER 2049 präsentiert seine wunderschönen Bilder nicht, er zelebriert sie nicht einmal mehr, er badet sich darin, mit einer Inbrunst, die man narzisstisch nennen kann.
Das ist das fundamentale Missverständnis des Films: BLADE RUNNER war eine Kombination aus wunderschönen, überstylisierten Bildern, die eine dreckige Welt und eine schmutzige Geschichte voller Leid, Tod und Verzweiflung einrahmten. BLADE RUNNER 2049 ist eine hässliche Welt in wunderschönen Bildern, die einem endlos lange präsentiert werden, während nebenher eine übererklärte, recht simple Geschichte erzählt wird. Anders als in BLADE RUNNER geraten die Bilder hier zum reinen Selbstzweck. Und aufgrund der Länge von 164 Minuten erinnert das vom Arbeitsaufwand her nicht zu Unrecht an den mehrstündigen Dia-Abend voller Urlaubsbilder bei Onkel und Tante.
Hier hätte eine dringend notwendige Straffung um mindestens(!) 40 Minuten stattfinden müssen, um den Film erzählerisch interessant zu halten.
Auch wenn ich Spaß an dem Film hatte, und mich bei all den Längen nicht gelangweilt habe – ich habe Verständnis für das viele Gähnen und Schnarchen(!), das ich im Kinosaal gehört habe. (Vielleicht trommelt einen Hans Zimmer auch deshalb am Anfang des Abspanns so brutal wach …)

Und die Länge schadet tatsächlich dem Erfolg des Films: Nach einem hervorragenden Startfreitag in den USA prognostizieren die Experten dem 150 Millionen Dollar teuren Film ein sattes Wochenendeinspielergebnis von 50 Millionen Dollar. Doch der Film bricht unerwartet ein, und spielt lediglich 30 Millionen ein. Das offizielle Ziel, weltweit 400 Millionen einzuspielen, ist damit so gut wie unerreichbar geworden.
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Einer der Gründe ist das ungünstige Zielpublikum: 71 Prozent der Kinobesucher sind männlich, und nur 13 Prozent der Besucher sind unter 25 Jahren – der Großteil ist sogar älter als 35. Damit steht fest, dass vor allem Fans des Originals dem Film eine Chance geben, dass er jedoch keine neuen Zuschauer findet. Das Publikum selbst steht, wie erwähnt, gespalten da. Für die einen ein Meisterwerk, für die anderen langweiliges, überlanges Kunstkino. Doch die Mundpropaganda für einen derartig langsamen, beinahe dreistündigen Film, bleibt größtenteils aus. Und in der Tat sind es vor allem Fans des Originals und von visuellen Kunstwerken begeisterte Zuschauer, die dem Film eine gute Note geben. Wer im Kino „lediglich“ unterhalten werden will, zögert noch.

Villeneuves Grenzen


Das ist durchaus ein Problem für Regisseur Denis Villeneuve. Der Film, der alleine so viel kostet wie seine bisherigen vier englischsprachigen Filme zusammen, zeigt, dass Villeneuve nur bedingt für das Blockbusterkino geeignet ist.

Aber: Auch andersherum ist die Beziehung problematisch. Denn auch wenn BLADE RUNNER 2049 ein guter Film ist, gelingt es Villeneuve eben nicht, ihm seinen Stempel aufzudrücken. Villeneuves Markenzeichen sind vor allem Konventionsbrüche. Im besten Falle, wie in PRISONERS oder ARRIVAL, benutzt Villeneuve die Konventionen gegen die Zuschauer. Wo bei dem einen die Grenzen zwischen Helden und Schurken verschwimmen, gerät bei dem anderen die narratologische Erwartung einer Reihe von Rückblenden beim Zuschauer zum überraschenden Erweckungserlebnis. In SICARIO, seinem bisher schwächsten englischsprachigen Film, wagt er sich sogar daran, die erzählerischen Konventionen des Thriller-Genres komplett zu brechen. Mit ENEMY hingegen legt er einen filmischen Rohrschach-Test vor, der komplett ohne irgendwelche Konventionen auskommt und sein eigenes Süppchen kocht.
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Und nun BLADE RUNNER 2049 – sein mit Abstand konventionellster Film, eine schnurgerade runtererzählte Detektivgeschichte ohne Überraschungen, der viel von dem fehlt, was Villeneuve so herausragen lässt: Dem Mut, dem Publikum etwas zuzumuten.
Ja, es gibt Wendungen – die jedoch dermaßen erwartbar sind, dass sie nicht überraschen, und so wie jeder erfahrene Zuschauer weiß, dass in einem Krimi, in dem jede Spur von Anfang an auf einen Verdächtigen zuführt, diese Person die letzte ist, die als Täter in Frage kommt, so führt auch BLADE RUNNER 2049 viel zu offensichtlich auf eine Wendung hin, die sich nur als roter Hering entpuppen kann.

Saß ich als Jugendlicher die ersten Male vor BLADE RUNNER, mir der tiefer gehenden Themen und Aussagen des Filmes bewusst, aber nicht in der Lage, sie deutlich zu erkennen, sitze ich nun nach BLADE RUNNER 2049 da, und frage mich, ob es überhaupt tiefere Themen gibt. Hat einen der Film, der einen von Anfang an an der Hand führt, schließlich zu einem überraschend einfallslosen Finalkampf geführt (die wirklich farblose und beinahe antiklimaktische Auflösung der Jagd ist ein wenig enttäuschend), scheint jede Frage geklärt, jede Aussage getroffen, jeder Gedanke ausgebreitet. Das war's, Leute, mehr gibt’s hier nicht zu sehen.

Die Möglichkeit, sich tiefere Ebenen oder Erkenntnisse, narrative Subströmungen oder verschlüsselte Aussagen zu suchen, indem man den Film öfter guckt und die Ellipsen füllt, verweigert einem BLADE RUNNER 2049.
Ob die ästhetische Pracht und die größtenteils organische Welt alleine eine Wiedersichtung rechtfertigt (wie ich es einst bei BLADE RUNNER erlebt habe), muss jeder Zuschauer selbst entscheiden. Inhaltlich gibt es nichts Neues zu entdecken. Anders als in all seinen anderen Filmen, verschießt Villeneuve hier sein gesamtes Pulver in einem Durchlauf.

Das vielleicht größte Rätsel – und einen der größten Schwachpunkte – des Films liefert wieder einmal Jared Leto, der aktuell kein glückliches Händchen bei der Rollenauswahl hat.
Man merkt, dass er auf der Suche nach schrägen Figuren ist, doch während schon sein Auftritt als Joker in SUICIDE SQUAD so peinlich war, dass man nur mit Mühe hingucken konnte, erfüllen einen seine zwei Kurzauftritte als Großindustrieller Niander Wallace in BLADE RUNNER 2049 mit so viel Fremdscham, dass ich mehrfach mit schmerzerfüllter Miene weggucken musste.
Es sind vor allem die hanebüchen überzogenen Monologe, mit denen er sich der Öffentlichkeit aussetzen muss.

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Irgendwo zwischen Glückskeksphilosophie und Fan-Fiction-würdigem Welteroberungsgeschwafel, das einem JAMES-BOND-Schurken zu albern gewesen wäre, muss er gleichzeitig seine eigene Bösartigkeit unter Beweis stellen, die Bösartigkeit seiner Assistentin rechtfertigen, das Rätsel um Deckards Existenz aufrecht erhalten, im Alleingang das moralische Dilemma zwischen Menschen und Replikanten für den Film etablieren und natürlich noch über die historische Natur des Menschen sinnieren. All das in zweieinhalb Auftritten, mit Texten, die unangenehme Erinnerungen an den „vis-à-vis / ergo“-Architekten der MATRIX wecken, und bei denen einem Harrison Fords legendäre Kritik am Set von STAR WARS in den Sinn kommt: „Solche Dialoge kann man vielleicht schreiben, aber man kann sie nicht sprechen.“ Nie hat man Joe Turkels Tyrell so vermisst wie hier!

Fazit


BLADE RUNNER 2049 ist ein Kinohighlight des Jahres, und ein Fest für Liebhaber von BLADE RUNNER und schön fotografierter Sci-Fi-Geschichten, daran gibt es keinen Zweifel.
Aber: Über den künstlerischen Wert der Bilder, der Töne, der Musik und des Set-Designs, sowie über die clevere, liebevoll detaillierte Fortführung des Franchises hinaus, entpuppt sich das Innenleben als überraschend konventionell und eindimensional.

Die große Verschachtelung, die Ellipsen oder philosophische Tiefe, die BLADE RUNNER einst zum Geniestreich machten und das Science-Fiction Kino revolutionierten, erreicht BLADE RUNNER 2049 zu keiner Zeit. Im Gegenteil: Der Zuschauer wird an die Hand genommen und mit zahllosen Erklärungen ans Ziel geführt, bis auch die letzte Frage erklärt und erläutert wurde. Mit sprechenden Namen deutet man wie mit Neonzeichen auf Metaphern hin, und die vermeintlich überraschende Wendung kündigt sich für geübte Zuschauer schon von Weitem an.

Als ich Anfang der Neunziger BLADE RUNNER für mich entdeckte, waren seine Kinder längst erwachsen. Es war die Zeit, in der in Deutschland erstmals „Akira“ im Carlsen Verlag (und parallel bereits im Kino) erschien, in der „Shadowrun“ und „Cyberpunk 2020“ deutsche Jugendzimmer stürmten, in der ich begann, William Gibsons „Neuromancer“-Welt zu erschließen.
Welch tiefgreifenden Einfluss BLADE RUNNER visuell und erzählerisch auf die Popkultur hatte, zeigt auch der enorme Erfolg und vor allem die inhaltliche Qualität des 1997 von Westwood produzierten Computerspiel-Adventures „Blade Runner“. Noch fünfzehn Jahre nach dem Film erscheint ein spielerisches Spin-Off, dass all die Tugenden und Stärken des Films in eine neue, parallel zur Filmhandlung laufende Handlung überträgt.
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BLADE RUNNER 2049 schmiegt sich als hervorragendes Sequel an BLADE RUNNER an und nutzt dessen Ruhm. Doch ihm fehlt es an Eigenständigkeit, um eigene Akzente zu setzen. Einen Klassiker jenseits von Bildkompositionen und Set-Design werden wir hier nicht finden. Und das Cyberpunk-Genre ist nicht mehr auf dem Gipfel seines Erfolges wie noch vor dreißig Jahren.

Das Hauptproblem jedoch: Der Film ist und bleibt deutlich zu lang! Es bleibt rätselhaft, was Villeneuve damit erreichen will, seine Zuschauer zwei Stunden und vierzig Minuten im Kriechtempo durch eine geradlinige Handlung zu führen, oder wieso das Studio ihn nicht davon abgehalten hat. Vielleicht hat er sich durch seine bisherigen Erfolge bei Kritikern und Publikum eine Narrenfreiheit erworben, die ihm nicht gut tut. Vielleicht braucht er, wie so viele Künstler, Grenzen – finanzielle, zeitliche, kreative –, um zur vollen Blüte zu gedeihen.

Auch wenn ich BLADE RUNNER 2049 genossen habe, schreibe ich viel davon meiner Liebe für das Original zu. Wäre dies ein Originalfilm gewesen, wäre ich vermutlich ebenfalls unleidlich geworden, denn obwohl ich mich nicht gelangweilt habe, fühlten sich die mehr als zweieinhalb Stunden aufgrund der dünnen Geschichte und meist dünnen Figuren wie Arbeit an und waren oftmals nur schwer auszuhalten.
Also ja, ich wünsche mir einen Director's Cut – vierzig Minuten kürzer, mit (deutlich!) weniger Erklärungen (dem Film seine ganzen Hinweise auf Las Vegas zu nehmen, sollte bereits zehn Minuten einsparen ...), mit mehr Mut, weniger Jared Leto und weniger Schafen – dann bin ich auch bereit, den Film zu dem Klassiker zu erklären, der er hätte sein können!
© Sony Pictures Releasing GmbH

Kommentare:

  1. Word! Ich bin da ganz bei dir. Mir war der Film auch viel zu lang und zäh, zäh wie ein Kaugummi, dessen Geschmack sich bereits vor geraumer Zeit verabschiedet hat, den man aber, weil man irgendwie den Mund weiter bewegen will, nicht einfach ausspuckt.

    Visuell in seiner Zitierwut des Originals wunderbar eingefangen. Definitiv. Und selbst bei der Einschätzung der plausiblen (und weniger plausiblen) Rollen, kann ich nur zustimmen. Ana de Armas spielt faszinierend. Die Szenen mit ihr rüttelten immer ein wenig aus der einsetzenden Lethargie beim Zuschauen.

    Ich war vor dem Kinobesuch sehr zwiegespalten, sehe durchaus die große Reminiszenz an das Original, ging nach dem Kinobesuch aber dennoch mit ein wenig Missmut heim. Kunstkino par excellence, nur leider mit wenig narrativer (und philosophischer) Substanz. Schade drum...

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  2. Ich hatte erst überlegt, mir den Film anzusehen, aber inzwischen habe ich gar kein Interesse mehr daran, je mehr ich darüber lese. Deine Review bestätigt auch noch mal meine Befürchtungen und Ryan Gosling kann ich mittlerweile auch nicht mehr sehen... Ich freue mich aber, dass Mackenzie Davis eine kleine Rolle in dem Film ergattert hat.

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